Das Böse spielt die Hauptrolle

München - In den Büchern des New Yorker Autors Matt Ruff ist eine bestimmte Fragestellung präsent. Genauer gesagt: Es ist die Umwandlung der Frage "Was ist Wahrheit?", wie sie in der Bibel Pontius Pilatus an Jesus stellt, in die Form: Was ist Wirklichkeit? Die Anspielung auf biblische Geschehnisse ist zumindest für Matt Ruffs neuen Roman "Bad Monkeys" zulässig.

In Matt Ruffs US-amerikanischem Thriller verschwimmen Wirklichkeit, Wahn und Science-Fiction

Denn das Böse spielt darin die Hauptrolle, und daher wird auch Gott zeitweilig angerufen. Wer Gut und Böse als reale Seinsweisen betrachtet, der steht auf einem anderen Wirklichkeitsniveau als Menschen, die gute und böse Taten als psychisch und sozial motivierte Handlungen definieren und auf die reinigende Kraft von Kants Kategorischem Imperativ hoffen. Gut und Böse scheiden also die Geister in der Realität. Und Matt Ruff treibt sein Spiel mit dem Leser, lädt ihn sozusagen zu einer Achterbahnfahrt auf vielen möglichen Wirklichkeitsebenen ein. Eine Ebene beinhaltet allerdings klar ein historisches Ereignis.

Die Hauptfigur des Romans ist die junge Frau Jane Charlotte. Sie arbeitet nicht gern, dafür verführt sie bevorzugt minderjährige Jungen - und sie liebt Drogen.

Wirklichkeitsflucht könnte man das nennen. Doch eines Morgens, es ist der 11. September, sieht sie fern. Und die Türme des World Trade Centers brennen. Zuerst glaubt Jane an eine Drogen-Halluzination, aber dann bemerkt sie am Bildschirm das CNN-Logo. Das Böse ist Realität geworden. Aber wie geht man damit um?

Im Laufe des Romans kommt Jane Charlotte in Kontakt mit einer Geheimorganisation, die sich gegen das Böse stemmt und Jane rekrutieren will. Ziel ist die "Bekämpfung des Bösen in all seinen Formen". Aber genau in dieser Formulierung liegt das Problem. Denn auch George W. Bush spricht von der "Achse des Bösen", die es zu vernichten gilt. Für Bush ist Al Qaida eine terroristische Organisation, die das Böse in den Staat hineinträgt. Jener Geheimorganisation, der Jane Charlotte nun angehört, geht es hingegen um das Böse innerhalb der Staatsgrenzen. Schlägertypen, Vergewaltiger, Mörder und psychopathische Serienkiller gehören für den Staat zum Alltag. Die Geheimorganisation sieht das ähnlich - nur hinter der verbrecherischen Tat erblickt sie eine Manifestation des Bösen. Der Romantitel "Bad Monkeys" ist dabei nach Matt Ruff sowohl ein Euphemismus für äußerst böse Menschen als auch der Codename für eine bestimmte Abteilung jener Geheimorganisation, in deren Auftrag Jane Charlotte Zeitgenossen liquidiert - und das mit Eifer, denn es gibt eben viel Böses in der Welt.

Ab der zweiten Hälfte des 250 Seiten starken Romans wird der Wirklichkeitssinn des Lesers stark beansprucht. Jane Charlotte wird von ihrer Organisation überwacht, und zwar mittels Kleinstkameras, die sich auf Werbeplakaten und sogar in Zeitungen installieren lassen. Eine Gegen-Organisation mischt sich ins Geschehen ein, deren alleiniges Ziel es ist, das Böse in der Welt zu vermehren. Und einer der Hauptbösewichte ist Jane Charlottes verschwundener Bruder Phil. Um ihn zu finden, muss sie gegen eine sogenannte "böse Jane" antreten. Jane Charlotte entwickelt dabei übersinnliche, psychedelische Kräfte. Das Gute bekämpft verbissen das Böse, und das Böse wehrt sich massiv gegen das Gute. Surrealste Science-Fiction-Szenen wechseln einander rasant ab, was man kritisieren kann - aber keineswegs muss. Denn Matt Ruff hat eine äußerst kluge Grundkonstellation für seine Geschichte gewählt. Jane Charlotte sitzt als Mörderin im Gefängnis und wird von einem Psychiater befragt. Ihm erzählt sie ihr Leben, also den Roman. Und da sie seit ihrer Jugend Drogen konsumiert hat, könnte es sein, dass sie alles das, was sie berichtet, irgendwie erträumt, also ersehnt hat. Erwünschte Wirklichkeit nennt man das, weil jemand das Böse in sich erkennt, indem er von eigenen guten Taten fabuliert, die in der Realität nie geleistet wurden. So gesehen ist Matt Ruff mit "Bad Monkeys" ein Kabinettstück aus Gut und Böse, aus Realität und Surrealität gelungen, das man sich auch in einer Bühnenfassung gut vorstellen kann.

"Böse Menschen sind nun mal leicht zu täuschen", heißt es gegen Ende des Romans. Gute Menschen allerdings auch. Und dies deswegen, weil das Gute und das Böse sich nicht immer bloß auf einer einzigen Wirklichkeitsebene präsentieren, ja sich sogar miteinander vermischen. Auch das zeigt Matt Ruffs Roman auf äußerst realistische Weise.

Matt Ruff:

"Bad Monkeys". Aus dem Amerikanischen von Giovanni Bandini. Hanser Verlag, München, 256 Seiten; 19,90 Euro.

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