Das Böse unter strahlender Sonne

- Die Sonne brennt erbarmungslos vom tiefblauen Himmel. Die Kornfelder wogen in sattem Goldgelb, gesprenkelt mit Tupfern roter Mohnblüten. Die sandigen Straßen schimmern beige, die Häuser des Dorfes changieren zwischen Braun und Ocker. Es sind die Farben, die zuerst im Gedächtnis hängen bleiben. Kinder rennen um die Wette, das Leben inmitten der Hügel Apuliens scheint sorglos, friedlich und geprägt von schlichter Schönheit.

<P>Doch die sanfte Stimmung dieser Bilder bricht Regisseur Gabriele Salvatore ("Mediterraneo") immer wieder. Dann schwenkt die Kamera von dem im Wind wogenden Weizen auf einen schwarzen Raben, und die spielenden Jungen entdecken tote Mäuse am Wegesrand. Die Idylle währt nicht lange, und die unschuldige Kindheit wird nach diesen Tagen im Sommer 1978 unwiderruflich beendet sein. Das deuten bereits die ersten Einstellungen an. </P><P>Im Mittelpunkt von "Ich habe keine Angst" steht der zehnjährige Michele (Giuseppe Cristino). Er findet eines Abends ein sorgfältig getarntes, tiefes Erdloch. In dem sitzt ein etwa gleichaltriger Junge. Völlig verwahrlost, abgemagert und verstört. Michele will das fremde Kind retten. Anfangs bringt er ihm heimlich Essen, später verhilft er ihm zur Flucht. Kleine Kinder hüten gerne Geheimnisse, und nur aus diesem Grund erzählt Michele anfangs niemandem von seiner Entdeckung. Um so größer ist sein Entsetzen, als er im Fernsehen sieht, dass der Bub Filippo heißt, aus Mailand stammt und vor Monaten aus dem Hause seiner sehr reichen Eltern entführt wurde. Niemand im Ort scheint sich für das Verbrechen zu interessieren. Nur Michele beobachtet die Erwachsenen um sich herum immer argwöhnischer: Die seltsamen neuen Freunde seiner Eltern, und warum packt der Vater nach dem Essen die Reste in Plastiktüten?</P><P>Salvatores kunstvoll arrangierter Spielfilm erzählt einen Kriminalfall, und er nutzt geschickt die Sicht Micheles für einen äußerst straffen Spannungsbogen. Der Zuschauer weiß stets nur so viel wie Michele - bis der schließlich die schreckliche Wahrheit erkennt und das Böse den bis dahin so übersichtlichen Kinderkosmos zerschlägt. Doch Salvatores Film ist weit mehr als ein gut erzählter und ansprechend bebilderter Thriller aus der Perspektive eines Kindes. "Ich habe keine Angst" ist auch ein Film über das Nord-Süd-Gefälle Italiens, über Gewissen und Verantwortung, über soziale Benachteiligung und Neid - und über die ersten Schritte des Erwachsenwerdens. (Apollo, City.)</P><P>"Ich habe keine Angst"<BR>mit Giuseppe Cristino, Mattia Di Pierro, Aitana Sanchez-Gijon<BR>Regie: Gabriele Salvatore<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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