Böser Satyr

Volkstheater: - "Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal…" Das muffige Jüngelchen, das sich von seiner Mutter ständig Vorwürfe anhören muss, weil es nichts taugt, reißt schließlich ihre Brust auf und zieht eine goldene Statuette hervor: Baal.

Jenen bedeutenden Fruchtbarkeitsgott aus dem biblischen Zweistromland, der den Juden als Götze bedrohlich wurde und den die Christen in den Beelzebub verwandelten. Der junge Dichter aus Augsburg, Bertolt Brecht, machte aus der unberechenbaren Gottheit sein erstes Stück, 1918/19 entstanden: eines über einen jungen Dichter.

"Baal" hatte am Gründonnerstagabend in der Inszenierung von Hans Neuenfels am Münchner Volkstheater Premiere. Der Regisseur hat zusammen mit Dramaturgin Yvonne Gebauer eine Fassung erstellt. Und da ist Mama Baal als groteske Alte mit dabei. Später am Sterbebett darf Baal ein bisschen Reue zeigen ­ und an Ibsens Peer Gynt erinnern. Neuenfels braucht die Figur der Mutter weniger, um freudianisch plausibel (Ödipus-Komplex) sein zu wollen, als um die spezielle "Entbindung" zeigen zu können: Der Jüngling zieht Baal in dem Gedicht "Der Choral vom großen Baal" hervor und wird mehr und mehr zu diesem Wesen. These der Inszenierung: Jung-Künstler macht sich zum eigenen Kunstwerk.

Lust und Untergang

Der Regisseur verfolgt mit seinem Team ­ Ludwig Blochberger in der Titelrolle stieß zu den Münchnern ­ konsequent diese Argumentation. Das funktioniert, weil es dem Zuschauer relative Klarheit in Brechts krudem Dramen-Erstling verschafft, ohne dass Neuenfels diese Verwerfungen brachial nivellieren würde. Wenn der junge Schriftsteller also sein Leben als Theaterstück beginnt, ruft er Szenenanweisungen. Obendrein erscheint ein Text-Vorhang, typisches Element des Verfremdungseffekts, als Hinweis auf das Epische Theater und den gesetzteren, didaktisch wertvollen Brecht (1898-1956).

"Baal" aber verwirbelt in vielen Episoden expressionistische Elemente, die Exaltation in Lust und Untergang, viel Lyrisch-Naturhaftes, Anklänge an Wedekinds "Lulu", aber auch an Büchners "Woyzeck". Außerdem weist Neuenfels voraus auf die "Dreigroschenoper" und tippt das Mackie-Messer-hafte von Baal an. Im Übrigen hat er bis auf einiges Überflüssige und einen zähen Schluss gut gekürzt und komprimiert. Gehalten wird der Reigen von Gerhard Fresachers klarer Bühne: ein roter Ledersessel und Stücke von verschlämmten Bruchsteinmauern am Anfang. Wenn es in die Natur hinausgeht, weitet sich die Bühne; statt Fauteuil sind Humus-Rechteck oder kahle Stämme zu sehen. Auch in den Kostümen von Elina Schnizler wird die Otto-Dix-Dekadenz der Goldenen Zwanziger angedeutet, aber nicht strapaziert. Armut-Mimikry in den Bettlerszenen gibt es zum Glück gar nicht.

Bemerkenswert an Hans Neuenfels‘ uneitler Inszenierung ist, dass er versucht ­ "Baal" unterlaufend ­, den Frauen Respekt zu erweisen. Besonders die Großbürgerin Emilie (Sophie Wendt), das junge Mädchen Johanna (Elisabeth Müller) und die Schauspielerin Sophie (Stephanie Schadeweg) sind in ihren kurzen Auftritten sorgfältig ausgestaltet und die Darstellerinnen sicher geführt. Unterstrichen wird: Sie sind eben nicht Wegwerf-Menschen, wie Baal sie sieht. Komplizierter ist die Beziehung Baal-Ekart (Gabriel Raab). Ihn schildert Brecht zunächst als eine Art lockenden Mephisto. Dann beim zweiten Auftauchen ist er ein netter Kerl, in den sich Baal rasend bis zum Mord an dessen Freundin und an ihm verliebt. Raab findet für beides einen überzeugenden Ausdruck. Er öffnet sein Gesicht so, dass glaubhaft wird, warum Ekart für Baal liebens-wert ist.

Ideales Männer-Paar

Neuenfels folgt feinfühlig und geschmackvoll Brechts naturhaft-unschuldigen homosexuellen Szenen. Und die beiden jungen Männer spielen das mit zarter Freiheit. Wie überhaupt Blochberger und Raab ein ideales Paar abgeben.

Mit Ludwig Blochberger hat das Volkstheater ohnedies einen Glücks-Baal erwischt. Denn ohne richtige Besetzung wäre das Stück nicht spielbar. Mit seinem jungen Satyr-Gesicht scheint Blochberger prädestiniert. Zugleich spielt er eindrücklich. Der hohe Ton der mächtigen expressiven Verse steht ihm genauso natürlich zur Verfügung wie die Rotzigkeiten und Sadistereien eines Amoralischen. Er ist ganz der charmante, böse Jüngling. Die Leichtigkeit in Redeweise wie Körper-Agilität machen gerade diesen "Baal" zu einem Bühnen-Geschöpf, das auch 2007 interessiert.

Die Besetzung

Regie: Hans Neuenfels. Bühne: Gerhard Fresacher. Kostüme: Elina Schnizler. Musik: Patrick Schimanski. Darsteller: Ludwig Blochberger (Baal), Karin Werner (Mutter), Sophie Wendt (Emilie), Elisabeth Müller (Johanna), Gabriel Raab (Ekart), Stephanie Schadeweg (Sophie Barger), Markus Brandl (Johannes), Ursula Burkhart (Luise), Timur Isik (Mech, Strolch, Bettler), Benjamin Mährlein (Dr. Piller, Lulu, Gougou), Nicholas Reinke (Neger John, Bolleboll), Andreas Tobias (Gast, Der heilige Franziskus), Xenia Tiling ( Mädchen, Maja).

Die Handlung

Baal ist amoralisch und asozial, aber ein exzellenter Lyriker. In der Kunstszene ist man neugierig auf ihn, erträgt sein Benehmen jedoch nicht. Sein Abstieg wird rasanter, nachdem er immer mehr säuft und Frauen verschleißt. Er schlägt sich im Kabarett, bei Bettlern und Kranken durch. Seine Liebe gilt nur Freund Ekart. Wegen ihm vergewaltigt und mordet er. Er stirbt im Wald.

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