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Bogdan Roscic besteigt den Wiener Thron im Jahr 2020, sein Vertrag gilt vorerst für fünf Jahre.

Intendantenkarussell

Plattenmanager wird Chef der Wiener Staatsoper

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Wien/ München - Bogdan Roscic wechselt von Sony an die Spitze der Wiener Staatsoper, an der Bayerische Staatsoper gilt Andreas Homoki als ein hoher Favorit.

All die üblichen Verdächtigen mussten sich geschlagen geben. Alexander Pereira zum Beispiel, Chef der Mailänder Scala, auch Elisabeth Sobotka (Bregenzer Festspiele), Andreas Homoki (Zürcher Oper), sogar Nikolaus Bachler. Der Münchner Intendant hatte sich zwar gar nicht für den Direktorenthron der Wiener Staatsoper beworben, wurde aber, so war zu hören, von den Verantwortlichen gefragt und gebeten. Geworden ist es nun ein Mister Unbekannt: Bogdan Roscic.

Der Mann, der von Österreichs Kulturminister Thomas Drozda in Wien präsentiert wurde, ist ein totaler Quereinsteiger. Der 52-jährige Belgrader ist noch Präsident der Plattenfirma Sony Music Classical, war zuvor bei der Deutschen Grammophon, Chef des Radiosenders Ö 3 und Popkritiker bei der „Wiener Zeitung“. Für fünf Jahre hat Roscic vorerst in Wien unterschrieben, sein Amtsantritt ist 2020.

Es scheint, als ob die Entscheidungsträger ihrem Renommiertempel mit Gewalt einen neuen Kurs und Frischluft verordnen wollen – oder dass ihnen gar nicht klar ist, wen sie sich ins Haus holen. Roscic ist nicht der erste Plattenmanager an der Spitze eines Opernunternehmens. Peter Gelb, seit 2006 an der Spitze der New Yorker Met, war zuvor ebenfalls bei Sony Classical. Männer aus solchen Firmen bringen vielleicht kein übermäßig großes Wissen in Sachen Regie mit, aber beste Kontakte zu Sängern und Dirigenten. Also noch mehr Star-Wesen statt Inhalte? Bei der Vorstellung des Neuen sagte Minister Drozda jedenfalls, man wolle auf keinen Fall Kritik am Status Quo üben.

Abgesehen von noch wolkig formulierten Zielvorstellungen könnte Roscic für entscheidende atmosphärische Verbesserungen sorgen. Immer mehr Sänger klagen über die schlechte Stimmung an der Wiener Staatsoper, in erster Linie sei dies Noch-Intendant Dominique Meyer anzulasten. Der hatte sich um eine weitere Verlängerung seines Vertrags beworben. An der Donau kursierte darauf bald das Bonmot, der gebürtige Franzose sei offenkundig der Einzige, der noch nichts vom Ende der Ära Meyer wisse.

Das Wiener Votum ist das erste einer langen Reihe. Zwischen 2018 und 2021 müssen einige renommierte Posten neu besetzt werden. Auch die Bayerische Staatsoper ist bekanntlich davon betroffen, Intendant Nikolaus Bachler und Generalmusikdirektor Kirill Petrenko gehen 2021. Traditionell gibt es im Freistaat keine Findungskommission, hier bestimmt vor allem Toni Schmid, Ministerialdirigent im Kunstministerium, über solche Personalien – es dürfte, nach nochmaliger Verlängerung seines Vertrags über die Pensionsgrenze hinaus, seine letzte große Entscheidung sein.

Ein hoher Favorit in der Münchner Intendantenfrage ist Andreas Homoki. Wie zu hören ist, interessiert sich der Chef der Zürcher Oper für einen Wechsel an die Isar, auch von Seiten des Freistaats scheint man da ganz offen. Homoki, zuvor Intendant der Komischen Oper Berlin, pflegt in Zürich eine gediegene Programmatik – das Haus war schon einmal unverwechselbarer. Ebenfalls auf dem Markt wären Serge Dorny (Oper Lyon) oder Roland Geyer, dessen Theater an der Wien mit seinen Stagione-Produktionen der dortigen Staatsoper künstlerisch den Rang abgelaufen hat.

Auch beim neuen Generalmusikdirektor haben die Münchner keine üble Auswahl. Franz Welser-Möst, der die Wiener Staatsoper einst türenknallend verließ und derzeit „nur“ das Cleveland Orchestra leitet, könnte sich die Bayerische Staatsoper ganz gut vorstellen. Philipp Jordan (Pariser Oper) wäre 2021 frei – und hätte mit Michael Lewin auch die richtige, in München sehr wohlgelittene Agentur. Auch Antonio Pappano, der wohl beste Kandidat, hätte Zeit, seine Verträge beim römischen Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia und beim Royal Opera House in London laufen rechtzeitig aus. Eine Münchner Delegation hat dem Vernehmen nach schon an der Themse vorgesprochen.

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