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Bei Gangsters zuhause: Bonnie (Sylvana Krappatsch) und Clyde (Oliver Mallison) unterhalten sich, während Blanche (Annette Paulmann) und Buck (Michael Neuenschwander) tanzen und sich Fluchtwagenfahrer C. W. Moss (Stefan Merki) ums Grillgut kümmert.

„Bonnie und Clyde“ ohne rechte Ideen

München - Barbara Weber inszenierte an den Münchner Kammerspielen „Bonnie und Clyde“ ohne rechte Ideen.

Die Besetzung

Regie: Barbara Weber.

Bühne: Sara Giancane.

Kostüme: Madlaina Peer.

Musik: Murena.

Darsteller: Sylvana Krappatsch (Bonnie Parker), Oliver Mallison (Clyde Barrow), Michael Neuenschwander (Buck Barrow), Annette Paulmann (Blanche Barrow), Stefan Merki (C.W. Moss), Murena (Mr. Grassgrow)

Das ist trickreich von Barbara Weber. Die Regisseurin nennt ihre Produktion „Bonnie und Clyde“, die am Donnerstag an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, im Untertitel „ein Projekt“. Damit ist bereits vor Beginn des mit nur 90 Minuten noch zu langen Abends klar, dass es sich um etwas Unfertiges handelt. Statt „Projekt“ wäre auch „Baustelle“ treffend. Und natürlich könnte es interessant sein, zu beobachten, was auf dieser vor sich geht. Vorausgesetzt jedoch, es gibt eine grundlegende Projekt-Idee. Wirkliche Einfälle aber sind Mangelware an diesem Abend, und so verhallen die Schüsse von Gangstern und Polizisten im Nichts auf der Bühne des Schauspielhauses. Es ist wie ein Kriminal-Tango ohne Tango.

Weber beschränkt sich darauf, die Geschichte von Bonnie und Clyde, die auf ihren Raubzügen durch die USA in der Zeit der großen Depression zum Mythos wurden, als Stationentheater auf Sara Giancanes Drehbühne darstellen zu lassen. Zunächst sieht es so aus, als wolle die Regisseurin zeigen, wie das Gebaren der Banken Menschen zu Verbrechern macht. Dann wiederum wirkt es so, als begreife Weber die Raubzüge des Pärchens als Befriedigung für dessen Narzissmus: Der Banküberfall dient der Persönlichkeitsentwicklung. Doch all das tippt Weber nur kurz an, um sich dann rasch abzuwenden. Konsequent verfolgt sie nur die Ideenlosigkeit dieses Abends. Entsprechend hilflos und allein gelassen wirken daher Sylvana Krappatsch und Oliver Mallison in den Titelrollen, die sich noch merklich eingrooven müssen.

Der wahre Fall

Bonnie Parker und Clyde Barrow zählten in der Zeit der Weltwirtschaftskrise zu den großen US-amerikanischen „Volksfeinden“, zu denen etwa auch John Dillinger gerechnet wird. Das aus Texas stammende Pärchen überfiel mit seiner Bande mehrere Banken, Geschäfte, Tankstellen. Die Jagd auf Bonnie und Clyde, die im Mai 1934 in Louisiana mit tödlichen Schüssen aus einer Polizeiwaffe endete, wurde zu einem Medienereignis. Der Mythos um die beiden inspirierte fortan die (Pop-)Kultur. Die bekannteste künstlerische Auseinandersetzung damit ist Arthur Penns Film „Bonnie und Clyde“ (1967) mit Warren Beatty und Faye Dunaway in den Titelrollen.

Während die beiden eine zweite, ironisch gebrochene Ebene nur andeuten, in der sie um ihre Existenz als mythische Figuren des jungen 20. Jahrhunderts und der Pop-Kultur wissen („Das ist ein Gangsterroadmovie“), spielen Annette Paulmann und Michael Neuenschwander diese voll aus. Ihr erster Auftritt zeigt die Casting-Situation für ihre Rollen Blanche und Buck Barrow („Der Kaffee ist scheiße, das Catering ist billig.“), die sich später der Bande von Bonnie und Clyde anschließen sollen. Dieser Blick hinter die Kulissen tut dem Abend richtig gut, lenkt ihn zumindest mal in eine vage Richtung. Man ist schlicht dankbar – obwohl vor allem Paulmann stellenweise noch zu sehr überdreht und über einiges hinwegkaspert. Doch das kann sich noch geben.

Zwei Fixpunkte hat diese Inszenierung dennoch. Von ihnen zu erwarten, selbige zu retten, wäre zu viel verlangt: Der junge Münchner Musiker Murena versucht, mit seiner Gitarre so etwas wie Atmosphäre auf die Bühne zu bringen. Dass er das könnte, hat er bei anderen Schauspielproduktionen bereits bewiesen. Dazu aber hätte die Regie ihn ernster nehmen müssen, ihn nicht wie einen Fahrstuhl-zum-Schafott-Beschaller behandeln dürfen. Murena ist ein Beispiel für verschenkte Energien am linken Bühnenrand.

Stefan Merki wiederum ist der Einzige, der seiner Figur etwas Tiefe gibt: Fluchtwagenfahrer C. W. Moss ist leicht ängstlich, will dennoch auf dicke Hose machen – und ist vor allem tief betroffen, weil er nicht in der Zeitung steht. Eigentlich ist dieser Typ sehr viel mehr an coolen Klamotten und seinem Gesang interessiert. Und singen kann Merki. Das sind auch die einzigen Momente, bei denen es für Schauspieler sinnvoll ist, ein Mikrofon zu verwenden. Dessen sonstiger Einsatz ist unmotiviert, ideenlos, überflüssig.

Trotz all dessen, was die Pop-Kultur seit den tödlichen Schüssen im Mai 1934 auf Bonnie Parker und Clyde Barrow zu deren Leben und Sterben hervorgebracht hat: In dieser Geschichte steckt nach wie vor genug Erzählenswertes. Barbara Weber hat es nicht entdeckt. Ihr Projekt ist gescheitert.

Nächste Aufführungen am 16., 23. und 24. Februar; Telefon 089/ 233 966 00.

Michael Schleicher

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