Bonzen als harmlose Onkel

- "Ich hatte eine glückliche stalinistische Kindheit." Das können wahrlich nicht viele von sich behaupten. Und wenn sich dieser Satz in Viktor Jerofejews neuem Roman findet, dann darf man sicher sein, dass der Autor des Welterfolges "Die Moskauer Schönheit" auch in seinem aktuellen Buch einen distanziert-kritischen Insider-Blick auf die oberen Tausend der alten Sowjetunion wirft. "Der gute Stalin" ist der treuherzig-provokante Titel des Romans.

<P>Jerofejew wurde 1947 in Moskau in die angeblich heile stalinistische Welt hineingeboren. Ein Leben ohne Angst. Denn sein Vater gehörte als Berater und Dolmetscher zum Hofstaat des aus Georgien stammenden kommunistischen Diktators. Später wurde der Linientreue, der das Vertrauen der Partei-Elite besaß, mit Botschaftsposten im westlichen Ausland belohnt.<BR><BR>Eine Art geschütztes Treibhaus, in dem Sohn Viktor heranwuchs, in dem er die gefürchteten Großen der Partei als harmlose Onkel erlebte. In dem er aber auch eines Tages begann, selbst zu denken.<BR><BR>"Ich weigerte mich, die Wirklichkeit als real zu akzeptieren", heißt es, und er meint damit seine Wirklichkeit damals und die der Eltern und Genossen. Das brachte ihn zum Schreiben, das machte ihn zum Schriftsteller. Der Konflikt mit Partei und Staat war programmiert.<BR><BR>Die Wende 1989 rettete ihn vermutlich davor, entweder Opportunist und Karrierist zu werden oder ein zum Stillschweigen Verurteilter. Heute zählt Viktor Jerofejew zu den anerkanntesten Autoren Russlands. "Der gute Stalin" ist kein klassischer Roman. Hierbei handelt es sich vielmehr um die spannende, freche, auch ironiegetränkte Beschreibung der eigenen Jugend. Einer Jugend, die ihn hin- und hergeworfen sein ließ zwischen kritischer Sicht auf den Vater und der kindlichen Liebe zu ihm.<BR><BR>Jerofejew erzählt dabei die erstaunlichsten Geschichten, etwa jene von der kindlichen Sehnsucht, Zar zu sein - zu einer Zeit, in der es als Staatshetze geahndet wurde, allein das Wort Zar nur auszusprechen. Oder davon, wie eines Nachts seine Eltern "aus der Rolle" fielen" und dem jungen Viktor als "Ausführende eines staatlichen Auftrags" erschienen, der sie ihm gegenüber zu "gedungenen Henkern" machte.<BR></P><P>Viktor Jerofejew: "Der gute Stalin". <BR>Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin-Verlag, Berlin, 363 Seiten; 19,90 Euro.<BR><BR>Der Autor liest heute, 20 Uhr, im Münchner Kokon, Lenbachplatz 3, aus seinem Roman; Infos: Telefon 089/ 55 25 14-48 92.<BR></P><P> </P>

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