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Ins Bordell gezwungen

- Auch Modern-Dance-Choreographen, prinzipiell eher abstrakt eingestellt, müssen heute mehr auf ihr Publikum eingehen. Und das erlebt Tanz nun einmal lieber als Handlung und Drama. Jochen Heckmann, seit der Spielzeit 1999/ 2000 Leiter des Ballett Augsburg, ließ sich von Mats Eks moderner "Giselle" von 1982 (ruht seit 1996 im Staatsballett-Repertoire) zu einer neuen Version inspirieren, die, blendend getanzt von Heckmanns multinationalem Ensemble, vom Premierenpublikum im Theater Augsburg zu Recht euphorisch gefeiert wurde.

<P>Das romantische Ballett ins Arbeitermilieu verlegt</P><P>Elektrizitätsmasten im Hintergrund, eine Reihenhaussiedlung, auf dem freien Platz davor die Frauen mit Kopftüchern, die Männer mit Schirmmützen - Heckmann hat das romantische "Giselle"-Ballett in ein Industriearbeitermilieu verlegt. Wie schon bei Ek ist Albrecht ein eleganter Städter, und seine hippe City-Clique wird von der Blaumann-Crew mit arbeiterstolzem, rustikalem Tanz konfrontiert.<BR><BR>Aber dann findet der Augsburger Tanzchef doch noch seine ganz eigene Wendung der Geschichte. Hilarion, bei Ek noch der eifersüchtige Verlobte Giselles, ist hier der Stiefbruder, ein Zuhälter-Typ wie Manon Lescauts Bruder, der sich autoritär und intrigant zwischen die Liebenden stellt. Hilarion zwingt Giselle zur Prostitution. Und dieser missbrauchten Giselle bleibt, nach Albrechts Abwendung von ihr, nur der Selbstmord. Das alles ist sehr klar erzählt. Jeder Figur hat Heckmann ein scharf umrissenes Charakterprofil gegeben.<BR><BR>Und die Tänzer füllen das aus. Daniel Zabojs Hilarion, ein aggressiver Macho mit muskelgespannter Attacke. Seinen Gegenpol, Giselles treue Freundin André, gestaltet Serena Pettinari mit koboldhafter Allegro-Qualität. Und Adriana Mortilliti und der imposante Afro-Kubaner Alfredo Garcia Gonzales sind in Ausdruck und jeder Geste zwei Liebende. Ganz leicht hingeweht ihre Pas de deux, in die auch viele schwierige Hebungen des klassischen Balletts eingewebt sind. Jochen Heckmann setzt hier bewusst auch seine klassische Formation ein. Insgesamt hat sich seine Handschrift jedoch eher herausgebildet nach den Modern-Dance-Meistern Mats Ek und Jiri Kylián. Und harmonisch, beinahe zu sehr, fügen sich seine unentwegt rund und weich fließenden Bewegungen ein in Adolphe Adams Originalmusik.<BR><BR>Den französisch romantischen Schmelz deutet das Philharmonische Orchester Augsburg unter Henning Kussel für die Bordell-Szene um in eine schwüle Zuckersüße. Ganz stimmig. Aber dieser leicht revuehafte Rotlicht-Teil des Abends, wenn auch dramaturgisch schlüssig und handwerklich ordentlich, ist - was Heckmann sicher selbst weiß - von B(allett) bis O(per) weidlich abgegriffen. Schon klar, was Heckmann damit anvisierte: die ausgelebte Sexualität heute versus romantisch abgehobene Liebe des 19.-Jahrhundert-Balletts.<BR><BR>Jedoch ein solches Sex-Etablissement - ist ja doch eine Uralt-Institution - metaphorisch mit einem gesellschaftlichen Wandel zu befrachten, heißt, es zu überstrapazieren. Insgesamt ist Heckmanns "Giselle", für die seine Titelinterpretin Adriana Mortelliti auch die sehr hübschen Kostüme entworfen hat, eine Reise nach Augsburg wert.</P><P>9., 12., 27. Februar; 4., 6., 10. März; 3., 9., 19., 22. April. Karten Tel. 0821/ 324-4900.<BR></P>

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