Borgen, betteln, schmarotzen

- Nach solch einer Leidenschaft hatte sie sich gesehnt: Anaï¨s Nin, Femme fatale, in der Bohè`me zu Hause und verheiratet mit Hugh Guiler, einem Banker. Sie begegnet Henry Miller erstmalig 1931 in Paris. Er ist der Mann, der sie, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt, erlöst aus "Monotonie, Langeweile und Tod".

Es ist zunächst die Faszination des Andersartigen, die sie an ihn bindet. Henry Miller, ebenfalls verheiratet, ist 40 Jahre alt, ein Amerikaner, der sich ohne Arbeitserlaubnis in Paris aufhält, Gelegenheitsjobs annimmt und oft auf der Straße nächtigt. "Er ist ein freundlicher Wilder, borgt, bettelt, schmarotzt", notiert Anaïs Nin in ihrem Tagebuch. Schon bald sollte sie schreiben: "Er ist der größte Schriftsteller der Welt."

Er erfüllt ihre geheimsten Wünsche

Anaïs und Henry nähern sich an, tauschen selbst verfasste Texte aus, beide in der festen Überzeugung, zum Schriftsteller geboren zu sein. Sie können sich gar nicht satt lesen an den Texten des anderen. Die Intimität, die beide im Geiste austauschen, provoziert bald die Erotik und entlädt sich in entdeckungshungriger Sinnlichkeit und besessener Sexualität. "Du lässt mich Künstler sein und rückst doch nicht ab vom Mann, vom Tier, von dem hungrigen, unersättlichen Liebhaber", schreibt Henry an Anaïs nach der ersten Liebesnacht. Tage vorher warnte Anaï¨s noch: "Exzessives Leben drückt auf die Fantasie." Jetzt unterwirft sie sich ihm, dankbar, dass er ihre geheimsten Wünsche erfüllt.

Anaïs übernimmt den Part der Mäzenin, beide leben von dem Geld ihres Ehemannes. Sie schreibt: "Henry hat keine Schreibmaschine. Ich gebe ihm meine. Er liebt ausgiebige Mahlzeiten, also koche ich üppig. Gern würde ich ihm einen Rückhalt bieten, eine Basis, Sicherheit, damit er arbeiten kann." Henry erkennt ihre Abhängigkeit, will sie auch literarisch gefügig machen. Er schreibt viele Passagen in ihren Texten um, teilt ihr mit: "Du verfügst über Genialität, aber du hast keine Sprache, in der du sie ausdrücken könntest." Und Anaïs, die sonst auf Kritik empfindlich reagiert, nimmt die Nachbesserungen dankbar an.

Als Anaïs Henrys Arbeiten ebenfalls durchforstet, ihn auffordert, Details aus seinem Manuskript zu "Wendekreis des Krebses" zu streichen, blockt er ab. Er erlaubt keine Einmischungen. Auch nicht von ihr, von der er als 80-Jähriger in "My Life and Times" schreiben wird: "Im Lauf der Jahre haben wir uns gegenseitig inspiriert, aber ich schulde ihr mehr als sie mir". 1933 wehrt sich Anaï¨s erstmals gegen Henry, schlägt eine andere Tonart an: "Hast du denn vergessen, dass wir uns sagten, die Welt werde uns schon noch genügend Prügel verabreichen, also sei das, was wir brauchten, gegenseitige Unterstützung." Anaï¨s steht kurz vor der Veröffentlichung ihrer Texte, Henry rät ihr davon ab, ordnet an, an ihrer Sprache zu feilen. Dieses Ereignis sollte zur ersten Irritation zwischen ihnen führen, die auch die nächsten acht Jahre ihrer Beziehung überschatten wird. Mehr noch aber leidet Anaï¨s unter der Angst, Henry an seine Frau June zu verlieren. Bald aber gerät sie selbst in Junes Bann, gibt sich ihr hin, fasziniert von ihrer morbiden und dämonischen Erscheinung.

Die Liebe von Henry und Anaïs wird zum selbstquälerischen Spiel. Immer wieder ist da ein Dritter im Bunde, Anaïs lebt nicht nur mit June eine Amour fou, sondern führt gleichzeitig ihre Ehe weiter und stürzt sich in eine Affäre mit ihrem Therapeuten. Auch Henry nimmt sich wahllos Geliebte. Ein gemeinsames Leben, eine Heirat, wie sie es einst planten, steht nicht mehr zur Diskussion. Anaï¨s hält Henry, der noch immer keinen Erfolg als Schriftsteller hat, vor, er sei unfähig für sie beide zu sorgen. Resigniert schreibt Henry: "Mein Leben als Schriftsteller ist gefährdet, ich werde mir ein anderes Leben schaffen." Es sollte ihm nicht gelingen. Auch nicht die Liebe zu einer Frau, die die "Einzige ist, die mir in jeder Beziehung ebenbürtig ist".

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