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„Wie die Besteigung des Olymps“: Alexander Tsymbalyuk als Boris Godunow in der Münchner Neuproduktion.

Interview zur Opernpremiere 

Das ist "wie die Besteigung des Olymps"

München - Modest Mussorgskys „Boris Godunow“ ist die letzte große Neuproduktion von Kent Nagano an der Bayerischen Staatsoper. In der Titelrolle ist der Ukrainer Alexander Tsymbalyuk zu erleben. Der Münchner Merkur traf ihn zum Gespräch.

Die Begrüßung ist herzlich, der Händedruck äußerst kräftig, hinzu kommt ein dezenter Größenunterschied – die Hand des Interviewers hat fast zweimal in der des Sängers Platz. Hoch gewachsen, stämmig, trainiert, ruhige dunkle Augen, einnehmendes Timbre: Alexander Tsymbalyuk ist ein Mann wie geschaffen für einen starken Herrscher. Von denen gibt es in der Opernwelt wenige, zumindest für sein Stimmfach. „Meistens“, schmunzelt er, „sind die Bassisten düstere Schurken, Alte, Clowns, Gauner, Mörder, Pfuscher oder alles zusammen“.

Boris Godunow ist für den Ukrainer etwas ganz anderes. „Ihn zu singen, ist ein bisschen wie die Besteigung des Olymps.“ Und für ihn, den Osteuropäer, dann doch die größte Herausforderung. Beinahe zu groß. Als Tsymbalyuk die Rolle angeboten bekam, war sein erstes Gefühl: „Angst!“ – mittlerweile kann er darüber grollend lachen. Kennengelernt hatte er die Partie schon als Student in Odessa, wo er 1976 auch geboren wurde. Man komme als Bass – und als russischsprachiger erst recht – nicht um den Boris herum. „Zum Glück“, schließt er etwas verlegen an, den Blick in die Ferne gerichtet.

„Der seelische Schock hält doch viel länger an"

Da erstaunt es allerdings, dass Tsymbalyuk keine Lieblingsaufnahme nennen kann. Natürlich habe er sich Schaljapin, Kipnis oder Christoff angehört, Sänger, die quasi automatisch und unsterblich mit der Rolle verbunden sind. Aber man dürfe sie nicht zu Idolen werden lassen, sagt Tsymbalyuk. Mal hier, mal dort könne man einen Teil für sein eigenes Singen annehmen. „Aber du musst die Rolle selbst spüren und dich immer wieder fragen: Wozu mache ich das, wohin will ich?“ Das sei auch bei dieser Produktion seine Maxime gewesen.

Beim katalanischen Regisseur Calixto Bieito trat der Ukrainer offene Türen ein. Obwohl (oder vielleicht weil) die beiden zum ersten Mal miteinander arbeiten, haben sie sich schnell gut verstanden. Gewiss habe Bieito ein Konzept, aber er lasse auch viel noch während der letzten Probenphase zu, sei offen für Änderungen. „Manchmal sagt er über die komplette Szene gar nichts, nickt nur stumm und sagt dann: ‚Ja, so machen wir’s‘.“ Auf einen stark vereinfachten Nenner gebracht ist das Ziel dieser Inszenierung, Boris von Klischees zu befreien und ins Heute zu holen. Also kein langer grauer Bart, und als Palast ein kühler Bunker, in den sich der Titelheld zurückgezogen hat. Die Menschen mit ihren Moden, auch die Technik verändern sich, gibt Tsymbalyuk zu bedenken. „Die Gefühle, der Schmerz und die Angst, das alles aber bleibt gleich.“ Und dies erreiche Bieito sehr subtil und mit viel Rücksicht auf die Sänger. „Wir müssen nicht viel rennen oder“ – und dabei macht Tsymbalyuk eine sehr gekonnte Pause, weil er weiß, welches Prädikat dem Regisseur anhaftet – „oder uns ausziehen und mit Blut übergießen“. Generell hält der Sänger wenig von „Zirkuseffekten“, wie er das nennt. Die verdaue und vergesse das Publikum schnell wieder. „Der seelische Schock hält doch viel länger an, so etwas muss man als Sänger erreichen.“ Oder vielmehr als Sängerdarsteller, vor allem bei Boris Godunow.

"...und es gibt Butterbrezn, das bekommt man sonst nirgends…“

Ein entscheidender Aspekt in der Oper ist sicherlich der langsam keimende Wahnsinn von Boris, der ihn schließlich in den Tod treibt, die Angst, vom totgeglaubten Thron-Konkurrenten heimgesucht zu werden. Dafür muss man nicht nur ein guter Sänger sein, sondern auch ein guter Schauspieler – und das gefällt Alexander Tsymbalyuk sehr. „Mussorgsky hat schon ziemlich genau geschrieben, was er wollte. Dieser Bereich zwischen Singen und Sprechen: eine tolle Herausforderung!“

Gerade in der Szene, als Boris vor Wahnvorstellungen zusammensinkt, lasse ihm Bieito viel Freiraum. Und plötzlich wuchtet Tsymbalyuk seinen kräftigen Körper aus dem Stuhl in die Höhe, breitet die gewaltigen Arme aus und spielt die Szene nach, wie sie sich offenbar gerade in der Probe kurz zuvor abgespielt hatte. So unmittelbar, dass man kurz zusammenzuckt. Und dann formt er mit den Händen eine Kugel: Man dürfe sich nicht vom Schauspiel verlocken lassen, sich in der Szene verlieren, sonst verliere man auch die Kontrolle über den Gesang. „Wenn die Melange zwischen Sprechen, Schauspiel und Singen stimmt, geballt in einer Kugel, die man kontrolliert, dann wird man belohnt.“

So, wie es Tsymbalyuk aus Hamburg gewohnt ist, wo er über zehn Jahre tätig und bis 2012 festes Ensemblemitglied war. Und wenn man Erfolge mit Reisen verbinden kann – umso besser. Nächste Stationen sind unter anderem die Met und die Scala. Aber nach München, wo er schon den Timur in Turandot gesungen hat, ist Tsymbalyuk besonders gerne wiedergekommen. „Die Stimmung am Haus ist super. Jeder lacht, und es gibt Butterbrezn, das bekommt man sonst nirgends…“

von Johann Jahn

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