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Herrschaftszentrale und Wohnbunker: Szene aus Calixto Bieitos Inszenierung.

Aus dem großen Horror-Baukasten

München - Schockmomente garantiert: Regisseur Calixto Bieito macht Mussorgskys „Boris Godunow“ im Münchner Nationaltheater zu einer Horror-Oper. Lesen Sie hier die Kritik!

So gesehen kam der tödliche Zusammenbruch zur rechten Zeit. Vorn sinkt der Zar im Wahn zu Boden, hinten nimmt sich der falsche Usurpator seine Familie vor. Eine Frau nach der anderen wird vom wiedergekehrten Grigorij erdrosselt oder erstickt. Beifällig bis teilnahmslos beobachtet die kaiserliche Kamarilla das. Der nächste Herrscher bitte? Ein Achselzucken meint man da zu spüren: Der Horror, so sagt die Regie, geht weiter, sein Herr bleibt austauschbar.

Mehr Dunkel geht nicht, mehr Pessimismus auch nicht. „Boris Godunow“ als Endzeittragödie: Was Calixto Bieito für die Bayerische Staatsoper inszeniert hat, passt zu Modest Mussorgskys Urfassung, die mittlerweile die opernhafteren, glättenden, ausgreifenderen Bearbeitungen (unter anderem von Rimskij-Korsakow) verdrängt hat. Der Kulminationspunkt ist hier schon kurz nach Beginn, mit der Krönungsszene erreicht. Was danach kommt: ein wie dumpfes, hohles Auslaufen, ein nihilistisches Verebben des Stücks.

Keine Buhs für Bieito, das ist neu. Und liegt sicherlich an der verstörenden Kraft des „Boris“. Aber auch an einer Inszenierung, die all das, was Mussorgsky vorgelegt hat, weiterdenkt (und manchmal auch bloß modisch illustriert). Vor allem aber liegt das am immensen Schauwert der Bühne von Rebecca Ringst, eine grandiose, inhaltliche Aussage, die es einem Figurenführer schon sehr leicht macht. Im Wohnbunker hat sich dieser Zar mit Kindern und Amme verschanzt, umwabert vom steten Nebel des Grauens.

Langsam, bedrohlich fährt das Gebilde anfangs an die Rampe. Unnahbar erscheint Boris auf dem Dach. Später klappen die Wände wie Zugbrücken auseinander, zeigen die Herrschaftszentrale, in der die gescheiterte Familie haust: Die Szene, wenn Boris von Politik deklamiert und Tochter Xenia (luxusbesetzt: Eri Nakamura) frustriert danebensitzt, ist am stärksten gerade wegen ihrer wie beiläufigen Andeutungen. Von der Vereinsamung der Menschen kündet dann dieser Abend, von ihrer Beziehungsunfähigkeit, von Haltlosigkeit – und davon, dass es aus all dem, typisch Bieito, keinen Ausweg gibt.

Doch da gibt es auch andere Szenen. Dass Bieito ein Werk ins Heute verpflanzt, gehört bei ihm dazu, Entwurzelungen, Unlogisches inklusive. Die Masse schwenkt Plakate von Berlusconi über Sarkozy bis Putin, da gluckst es im Publikum: Bieitos Barrikadenkämpfen, die eher aussehen wie’s Bauzaun-Happening in Wackersdorf, droht ebenso die Verstaubung wie der Opulenz schon ausgemusterter Kollegen. Ob es die mitteleuropäische Masse von heute wirklich wütend auf die Straßen treibt – oder nicht doch in den anonymen „Shitstorm“ im Internet? Oder, viel schlimmer, in die Politik- und Systemverweigerung? Und warum Boris’ Sohn Fjodor, sonst mit einem Countertenor besetzt, hier ein Schulmädchen (Yulia Sokolik) sein muss, das weiß nur Bieito allein.

Sein Hang zum dekorativen Grauen steht ihm auch dieses Mal im Weg, zumal der Abend in den Einzelszenen wirklich berührend ist. Aber Schock-Stereotype müssen wohl sein. Ein Demonstrant, der von der Polizei zu Tode geprügelt wird, die Mutter, die ihre Tochter peitscht, das Kind, das den Gottesnarren erschießt – immer noch eins drauf aus dem Horror-Baukasten. Vor dem Thema Religiosität, eine Grundzutat des Stücks, drückt sich Bieito gleich ganz, zeigt etwa Pimen, den alten Mönch, im Kittel nur als zittrigen Hausmeister der Geschichte.

Aber Anatoli Kotscherga, früher selbst ein großer Boris, fängt das auf durch seinen Charaktergesang. Eine Generationenschau, die einen nicht kalt lässt, denn den Staffelstab hat er nun weitergereicht an Alexander Tsymbalyuk. Der 36-Jährige reiht sich schon jetzt ein in die großen Vertreter dieses Fachs. Eine raumgreifende, dunkle, typisch slawische Stimme, die aber viel runder, geschmeidiger, eleganter geführt wird als die der meisten Kollegen. Nichts ist am Gesang von Tsymbalyuk ungeschlacht, grob. Die Wucht des Ausdrucks kann der Ukrainer verbinden mit einer fast zärtlichen Lyrik, was gerade dem Boris neue Facetten eröffnet. Weniger ein kraftloser Zar in Abdankungsstimmung wird hier gezeigt, sondern ein jugendlicher Familienvater, der nicht nur an der Macht der Feinde, sondern auch an der Größe der (zu frühen) Aufgabe zerbricht.

Gerhard Siegel als Schuiskij ist ebenfalls ein bisschen querbesetzt: kein schneidender Intrigant, sondern ein heldentenoral singender Gernegroß. Sergey Skorokhodov, mit brauner Lederjacke ganz ostzonaler Aufrührer, packt stimmlich beherzt zu. Kevin Conners (Gottesnarr) und Markus Eiche (Schtschelkalow) werten ihre Rollen erheblich auf. Und dass Vladimir Matorin, der „nur“ als Landstreicher Warlaam gebucht wurde, mühelos in die Titelrolle schlüpfen könnte, unterstreicht: Besser lässt sich „Boris Godunow“ heute kaum besetzen. Für Kent Nagano, bis Ende Juli noch Generalmusikdirektor, war dies die letzte große Premiere. Noch einmal macht er hörbar, was ihm gerade bei solchen Partituren wichtig ist. Nicht unbedingt die krachende Überwältigung, sondern die vorsichtige Analyse der Klang-Zutaten, das natürliche Formen der Phrasen. In den Massenszenen wird es zwar diffus (obgleich der Staatsopernchor mit selten zu hörender Prägnanz singt), da entgleitet einiges. Doch in den intimen, verlorenen Momenten der Figuren ist Nagano mit dem Staatsorchester am besten, da trifft er sich auch mit Calixto Bieito. Für den scheidenden Chef also, den heftig Gefeierten, ein sehr passendes, sehr würdiges Abschiedsgeschenk.

Markus Thiel

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