Boris Tishchenko: Ungeheurer Schöpferwille

- "Als Dmitri Schostakowitsch 1975 starb, war mir bewusst, dass sein Ruhm immer weiter wachsen wird, und da wurde mir klar, dass mir in Zukunft zu seiner Person viele Fragen gestellt werden würden. An seinem Grab habe ich mir dann geschworen, nie eine Interviewanfrage zu seiner Person abzulehnen." So Boris Tishchenko, eine der herausragenden Komponistenpersönlichkeiten Russlands.

Der gebürtige Leningrader, Jahrgang 1939, wurde 1961 Student von Schostakowitsch, gehörte von 1962 bis ’65 zu seinen Meisterschülern und blieb bis zu Schostakowitschs Tod einer seiner engsten Weggefährten. Bereits ab 1965 unterrichtete Tishchenko am Leningrader Konservatorium Komposition, 1986 wurde er Professor. Zum Komponieren kam er selbst im letzten Monat jedenfalls nicht, denn fast jeden Tag gab er Interviews über seinen ehemaligen Lehrer und Freund, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern würde.

Im Rahmen einer "Hommage an Dmitri Schostakowitsch" findet am Sonntag um 19 Uhr im Kleinen Konzertsaal im Gasteig ein Sonderkonzert des Ensemble Zeitsprung statt, bei dem auch die deutsche Erstaufführung "Eine Art göttliche Erscheinung." Boris Tishchenko über Schostakowitsch des Konzertes für Klarinette und Klaviertrio von Tishchenko auf dem Programm steht. "Ein symphonisches Werk für vier Instrumente mit allen Schwierigkeiten und Komplikationen eines symphonischen Entwurfs." Deshalb ist Tishchenko nun erstmals nach München gekommen.

Von Kindheit an wollte er Schüler von Schostakowitsch werden, persönlich lernte er ihn dann während eines Kongresses des russischen Komponistenverbandes am St. Petersburger Konservatorium kennen. Der Behauptung, Tishchenko sei sein Lieblingsschüler gewesen, widerspricht der sehr zurückhaltende weißhaarige Herr: "Alle sagen das zwar, aber von ihm selber habe ich das natürlich nie gehört. Schostakowitsch war sehr daran gelegen, niemanden zu bevorzugen, und hat nach außen hin Neutralität gewahrt."

Wenngleich Tishchenko sehr bescheiden wirkt, Tatsache ist: Es gab zwischen Schostakowitsch und Tishchenko einen umfangreichen Briefwechsel, dessen Ton man entnehmen kann, dass dieses Verhältnis ein besonderes war. Und natürlich hat der Einfluss Schostakowitschs auch Spuren im breitgefächerten kompositorischen Schaffen Tishchenkos hinterlassen. Speziell seine fünfte Symphonie, 1975 nach dem Tod Schostakowitschs entstanden, versteht er als musikalisches Porträt seines Lehrers.

"Für mich war Schostakowitsch sozusagen eine Art göttliche Erscheinung. Was mich besonders beeindruckt hat, war seine Genialität. Sein ungeheurer Schöpferwille. Mich faszinierte, dass er trotz dieser Genialität ein bescheidener und verschlossener Mensch geblieben ist. Beeindruckt hat mich auch, dass er viel Mitgefühl für die Schicksale seiner Mitmenschen gezeigt hat. Ich glaube, er hat das Leiden seiner Umwelt teils in sich aufgesaugt, und das spiegelt sich in seiner Musik."

Je mehr Tishchenko sich mit Schostakowitsch und seiner Musik befasst hat, desto freier wurde er als Künstler. Seit Anfang der 60-Jahre begeistert er sich für außereuropäische Musik und verarbeitet diese verschiedenen Stilrichtungen in seinen Werken. "Ich möchte, dass man später einmal über mich sagt, ich war er ein globaler Komponist", lacht er.

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