Bothos Bestiarium

- Von den klugen und den törichten Jungfrauen, von dem Verlust der Scham und dem Verrat an der Sprache, von der Todesstrafe und dem Jüngsten Gericht, von der Manipulierbarkeit der Gefühle und einem Pool für angepasste Verhaltensweisen - und immerzu von der Liebe, der verlorenen, vergeblichen, betrogenen und nur in den Momenten des Sich-Wandelns vergnüglichen: In seinem morgen erscheinenden Erzählband breitet Botho Strauß sein gedankliches Bestiarium aus, führt durch die unterirdischen Gänge des Bewusstseins, die Abgründe der Erinnerungen, durch Träume, Wahn und Visionen.

<P>Die Lektüre ist ein Genuss<BR><BR>"Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich" ist der für diesen Autor typische Titel. Er signalisiert Witz, Distanz, Beziehungskram, Frauenkennerschaft, Männersache. Das ist die reizvolle Oberfläche. Aber darunter liegen Dunkelheit, Geheimnis, Depression, Mythos.<BR><BR>Um es vorweg zu nehmen: Die Lektüre ist ein Genuss. Strauß' geschliffene Sprache, seine hochpoetische, oft auch altmodisch anmutende Formulierkunst, die Dialektik seiner Gedankengänge - das alles ist voller Ironie: sich selbst gegenüber wie auch der Gesamtheit. Und wie bei Strauß nicht anders zu erwarten, ist jede der Geschichten zwar detailgenau auf dem Boden der Realität angelegt, aber im Irrealen fest verankert.<BR><BR>Die Szenen, die er beschreibt, ähneln den Bildern Magrittes oder Max Ernsts. Zum Schaudern schön. Denn sie überschreiten die Grenze von der Wirklichkeit zum Traum, lassen einzelne Körperteile frei und autonom schweben, beschreiben den Verlust einer gemeinsamen Gegenwart, handeln von dem "Zeitspalter, der zwischen die Menschen fuhr".<BR><BR>Auch in diesem Buch erweist sich Botho Strauß als der große Konservative unter den Gegenwartsautoren von Rang, der hinter meisterhaft gehandhabter Leichtigkeit den moralischen Zustand unserer Zeit als Apokalypse beschreibt. Ein Vorhang, der dem Ich-Erzähler, dem Mitarbeiter einer Künstler- und Psycho-Schulungsagentur, plötzlich den Weg versperrt, symbolisiert Fürchterliches: "Sein Tuch war bebildert mit lauter stürzenden, in dichter Kohorte niedersausenden Menschen . . . Zu Anfang war es wie der Vorspann zu einem ungeahnten Film. Doch dann fühlte ich mich gejagt, gefangengehalten, eingekastelt von dem furchtbaren Vorhang, der mich verfolgte und keinen Weg mehr zu Ende gehen ließ."<BR><BR>Tiefe Lebensdepression. Nie aufgehoben. Aber erträglich gemacht durch allerlei Absurditäten eines erfundenen Alltags, wie zum Beispiel durch das mit seiner Nacht-Geliebten Alice Probe liegende Testen der neu erfundenen "Wärmegräber". Ob Botho Strauß über das "ewige Gestern" nachdenkt oder von der grünpunkigen Friseurin erzählt, in deren Nacken "kleine Köpfe mit verschrumpelten Gesichtern" schaukelten; ob er von der Kunstgeschichtsstudentin schreibt, die das zweite, das wahre Antlitz ihres Professors und späteren Ehemannes sucht, es aber erst in seiner Totenmaske findet, oder von den aufmüpfigen Mädchen im Zug, die mit Fliesenleim aneinander und an den Fußboden gefesselt werden: Stets ist Strauß der Realität ganz nah, obwohl oder gerade weil er ihr gleichzeitig so fern ist.<BR><BR>Von dieser verzweifelten, auch hochmütigen Warte aus setzt er mitten hinein in die kleinen, durch die drei Hauptfiguren zusammenhängenden Erzählungen seinen ätzenden Kulturpessimismus. Jenseits jeder literarischen Mode und Gefälligkeit. Mit einem kräftigen Schlag gegen die Gemeinschaft der Schriftsteller und seiner Kritiker, durch die sich "Stipendiat Müller-Armack" denunziatorisch ausgeschlossen fühlt: "Noch verfügen sie über irgendwelche Illusionen oder Phantasmagorien. Sie selbst sind die fleischgewordene Vision der schwachen Überlebenden . . . Sie haben den Exodus des menschlichen Geistes und seine Übertragung auf eine andere Rasse, die Rasse der künstlichen Intelligenz, überlebt."<BR><BR>Das lässt einen schon mal stutzen. Ebenso wenn Strauß wenig später die Zeiten vor der Zeit beschwört mit Sätzen wie: "Die Matrix unserer Rasse waren die Gestürzten. Blinde, Verstümmelte, Debile, Zornentflammte. Seelen stets in hoher Stimmung, Spastiker  des  Entzückens."<BR><BR>Furiose Finsternis</P><P>Und auf seine Art die Vertreibung der "Elementarmenschen" aus dem Paradies, aus dem "Land ohne Geschichte" beschreibt. Strauß' Fazit: "Nicht mehr als ein Holzstumpf, der vom Wildwasser mitgerissen wird, der auf- und abtaucht in den Schnellen und gegen den Fels prallt, nicht mehr ist der Mensch, ein hilfloser Torso in der Natur."<BR><BR>Seine eigene Hilflosigkeit hat der Schriftsteller Botho Strauß jetzt selbstbewusst zum Thema gemacht - in einem Buch von furioser Finsternis. Vielleicht der Beginn einer Göttlichen Komödie des 21. Jahrhunderts.</P><P>Botho Strauß: "Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich". <BR>Carl Hanser Verlag, München. <BR>168 Seiten, 17,90 Euro.<BR></P>

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