Anta Helena Recke verkleidet als Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal.
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Auftritt als Intendant Matthias Lilienthal: die Regisseurin Anta Helena Recke in der BR-Doku.

BR-Doku „Kammerspiele – Jammerspiele“ über die Münchner Intendanz von Matthias Lilienthal

Matthias Lilienthal und die Münchner Kammerspiele: „Der Angst ins Gesicht sehen“

  • Michael Schleicher
    vonMichael Schleicher
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Fünf Jahre war Matthias Lilienthal Intendant der Münchner Kammerspiele. Die Dokumentation „Kammerspiele – Jammerspiele“ nähert sich an diese Zeit an.

  • Matthias Lilienthal war von 2015 bis 2020 Intendant der Münchner Kammerspiele.
  • Lilienthals erste beiden Spielzeiten waren bei Teilen des Publikums, der Stadtpolitik und der Kritik umstritten.
  • Die Dokumentation „Kammerspiele – Jammerspiele“ nähert sich im BR-Fernsehen dieser Zeit an.

Da steht er im Durchgang zum Schauspielhaus, die Maximilianstraße in seinem Rücken. Matthias Lilienthal, Chef der Münchner Kammerspiele von 2015 bis 2020, wie ihn das Publikum kennt: oranges T-Shirt, die Brille auf der Stirn, die Arme vor der Brust verschränkt. Wenn’s mal kühler wurde (was nicht nur witterungsbedingt häufiger vorkam in seinen ersten beiden Jahren am Haus), komplettierten ein schwarzer Kapuzenpulli sowie eine Jeansjacke die Intendantenkluft.

Matthias Lilienthal leitete die Münchner Kammerspiele von 2015 bis 2020.

Lilienthal wird in dieser Szene der Doku „Kammerspiele – Jammerspiele“ von der Regisseurin Anta Helena Recke verkörpert, ist also weiblich und schwarz – und spricht über die Arbeit von Anta Helena Recke. Damit unterläuft der Film von Chiara Grabmayr und Juno Meinecke, der am Dienstag, 19. Januar, um 22.50 Uhr im BR Fernsehen zu sehen ist, Erwartungen und öffnet einen neuen Blickwinkel. Ganz so, wie Recke es bei ihrer ersten Arbeit an den Kammerspielen getan hat. In ihrer „Schwarzkopie“ ersetzte sie in Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich“ einzig und allein das Ensemble, statt helle hatte es nun dunkle Haut. Auf diesen Clou greift die Theatermacherin im letzten Teil dieses Films zurück und spielt neben Lilienthal etwa auch einen Laudator sowie Kritiker, die sich über ihr Schaffen äußern und deren Worte sie sich aneignet.

Anta Helena Recke hinterfragt Sehgewohnheiten

Diese Verfremdung mag skurril sein – wirkungslos ist sie nicht. Recke stellt Sehgewohnheiten infrage. Somit erzählen die Szenen auch viel über Lilienthals Arbeit in München, dem es eben ums Hinterfragen ging und darum, Leuten eine Bühne zu bieten, die der Kulturbetrieb häufig vergisst.

Servus München: Samouil Stoyanov braust bei der „Opening Ceremony“, der Abschiedsvorstellung der Intendanz Lilienthal im vergangenen Sommer, als Super Mario durchs Olympiastadion.

Der 45-minütige Film ist kein rein journalistisches Format, sondern eine subjektive Annäherung an die Intendanz des 61-jährigen Berliners. Die Kammerspiele sind als Ko-Produzent mitverantwortlich; der Bayerische Rundfunk hat die Arbeit lediglich unterstützt.

Regisseurin Grabmayr begeisterte mit der ZDF-Serie „Fett und Fett“

Doch arbeiten Grabmayr, die bereits als Regisseurin und Autorin der vogelwilden ZDF-Serie „Fett und Fett“ auf sich aufmerksam machte, und Meinecke einige zentrale Aspekte dieser fünf Jahre heraus. Unterteilt haben sie ihr Werk in drei Akte, als Prolog gibt es Interviewschnipsel von 2013. Als designierter Intendant erklärt Lilienthal da: „Ich mag an meinem Leben, dass ich immer permanent die Sachen mache, die ich nicht kann. Und das Arbeiten mit dem Ensemble und das Stadttheater habe ich verlernt.“ Ein Satz, den vor allem in den ersten beiden Spielzeiten große Teile des Publikums unterschrieben haben.

Hinter den Kulissen: Julia Riedler (li.) und Gro Swantje Kohlhof im Gespräch über die „Räuberinnen“.

Bemerkenswert ist, wie sich die Schauspielerinnen und Schauspieler an den damaligen Aufschrei erinnern. Thomas Hauser hebt auf die Innenwirkung ab („ein sich gegenseitig unterstützendes, standhaltendes Team“); Jelena Kuljić blickt aufs Außen: „Das Publikum hat offensichtlich mehr auf die Presse als auf unser Theater reagiert. Das ist schade. Denn ich gehe davon aus, dass Leute, die sich für Theater interessieren, immer weiter neugierig bleiben.“

Blick hinter die Kulissen von Leonie Böhms „Räuberinnen“

Zum Glück kreist die Dokumentation nicht nur um die Zerwürfnisse der ersten beiden Jahre, die ab dem dritten dann in „hemmungslose Liebe“ (Lilienthal) umschlugen. Der zweite Akt blickt hinter die Kulissen von Leonie Böhms furioser Schiller-Adaption „Räuberinnen“ mit einem ausschließlich weiblichen Team auf und hinter der Bühne. Hier fällt der Satz, der das Motto der Münchner Zeit von Matthias Lilienthal sein könnte: „Der Angst ins Gesicht sehen.“ Das haben sie getan. Und oft hat es sogar Spaß gemacht.

Sendehinweis:

„Kammerspiele – Jammerspiele“ läuft am Dienstag, 19. Januar, um 22.50 Uhr, im BR Fernsehen und ist bis zum 18. Februar in der BR-Mediathek abrufbar.

Lesen Sie hier die Pläne von Barbara Mundel für ihre erste Spielzeit als Nachfolgerin von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen.

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