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Jugendwelle bald auf UKW

BR-Klassik nur noch digital?

München - Der Bayerische Rundfunk möchte BR Klassik nurmehr als Digitalradio fortführen. Dafür gibt es die Jugendwelle bald auf UKW. Stirbt damit die Radio-Klassik und wird ein Opfer des Jugendwahns? Die Lage ist vertrackter, als es manche Beteiligten wahrhaben wollen.

In der Redaktion von BR Klassik muss Untergangsstimmung herrschen. Schon einmal, im Jahr 2006 war das, konnte ein Angriff auf das vierte UKW-Programm des Bayerischen Rundfunks abgewehrt werden. Doch 2016, so hört man, ist es wohl endgültig so weit und vorbei: Den Klassiksender gibt es dann nur noch als digitales Angebot. Und die darob Aufgeschreckten machen eine Rechnung auf: Hörerverluste von über 50 Prozent bedeute dies, damit eine weitere Etat-Kürzung. Am Ende bleibe vom einstigen Flaggschiff des ARD-Klassikangebots nichts mehr übrig. „Schwundstufe“ und „bis zur Bedeutungslosigkeit marginalisiert“, solche Worte sind von den Betroffenen zu vernehmen. Sie befürchten eine Aushungerungsaktion.

Panik und Wut sind verständlich. Zumal auch BR Klassik ein Klassiker ist, was den Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks betrifft. Der soll schließlich weniger auf Gewinne schielen, sondern ein Angebot verbreiten, das sich die Privaten nicht leisten können – und wollen. Unter den Wellen des Bayerischen Rundfunks nimmt BR Klassik dabei den letzten Platz ein. Laut Media-Analyse der ARD schalteten im vergangenen Jahr täglich durchschnittlich 2,77 Millionen Hörer Bayern 1 ein, 2,7 Millionen Bayern 3, 650 000 Bayern 5, 530 000 Bayern 2 und 250 000 BR Klassik. Die Welle für die „Ernste Musik“ demnach ein „kleines“, ein billiges Opfer?

Die Digitalisierungspläne haben viele Kritiker auf den Plan gerufen. „Sichtlich ist es die Angst vor der weiteren Schelte des Rechnungshofes, die die BR-Administration zu hektischen Kosteneinsparungen antreibt“, teilt zum Beispiel Thomas Goppel mit, Präsident des Bayerischen Musikrates. „Dabei droht Qualität verloren zu gehen: Wer keinen führenden Klassiksender hat, braucht auch keine Spitzenklangkörper und weniger Sendezeit für erstklassige Laienpräsentationen in der Musik.“

Ob berechtigter oder unberechtigter Einwand: Er macht deutlich, dass BR Klassik mehr ist als ein Programm, sondern eine Marke. Und unter der firmieren auch die drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks, das Symphonieorchester, das Rundfunkorchester und der Chor. Hier stellt sich also die zentrale Frage: Ist es wirklich denkbar, dass der BR die Plattform für seine teuren Klangkörper bröckeln lässt? Dass er eklatanten Hörerschwund in Kauf nimmt und einem Sender den Hahn zudreht, dessen Existenz auch eine Garantie darstellt für zwei Orchester und einen Chor? Dies wäre nur „sinnvoll“, wenn der BR tatsächlich beabsichtigt, auch bei den Klangkörpern zu sparen. Glaubt man der Intendanz, ist daran nicht gedacht. „Der BR ist stolz auf seine Klangkörper, steht ganz hinter seinem Klassikangebot und investiert 2014 und 2015 noch mehr in diesem Bereich als bisher“, heißt es in einer Stellungnahme.

Vieles deutet darauf hin, dass sich der BR einem ähnlichen Prozess der Neuorientierung unterzieht, wie ihn auch die Zeitungen durchmachen. Wird dort experimentiert, wie weit man mit Online-Ausgaben gehen kann, ohne dem gedruckten Produkt zu schaden, so rüstet sich nun eben ein Sender für die digitale Revolution. Viele Klassikfans, die bereits spezielle Empfänger und Internet nutzen, würden das übrigens begrüßen: Eine qualitativ hochwertige Übertragung von Konzerten mit Mariss Jansons und seinem Symphonieorchester ist diesen Musikliebhabern schließlich lieber als Brahms mit Hintergrundrauschen.

Gern spricht BR-Intendant Ulrich Wilhelm in diesem Zusammenhang von der „trimedialen Anstalt“. Sein Haus möchte hier Vorreiter werden. Das Angebot soll dabei nicht getrennt über Fernsehen, Rundfunk und Internet verbreitet werden, alle drei Genres sollen interagieren und sich gegenseitig befruchten. Neue journalistische Formen sind dafür notwendig, bis 2020, so der Plan, könnte der Prozess abgeschlossen sein.

Dass BR Klassik nun in eine Konkurrenzsituation zur Jugendwelle geraten ist, das ist der Haken an der Sache. Die Jugendwelle „Puls“, bislang „nur“ digital empfangbar, soll zum UKW-Sender befördert werden. Der BR, da ist er nicht das einzige Medium, sieht sich einem Schwund bei jugendlichen Nutzern ausgesetzt. Bayern 3 kann diese Rolle längst nicht mehr erfüllen, der Altersdurchschnitt liegt hier bei knapp 40 Jahren. Und da man nicht mehr UKW-Frequenzen zur Verfügung hat, müsste eben BR Klassik weichen.

Gerade diese Strategie amüsiert aber viele. Ausgerechnet die Jugend, die mit digitalen Medien virtuos umgeht und sie quasi zum Weiterleben braucht, darf sich nun auf UKW-Empfänger umstellen. „Das nicht so technikaffine ältere Klassikpublikum soll also ins Digitale, und die jugendlichen ,Digital Natives‘ sollen UKW hören – das ist nicht die erste Strategie, die mir einfallen würde“, lästert der Direktor der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien, Siegfried Schneider, in der „FAZ“. Unausgegoren ist also vieles an dieser BR-Strategie, noch nicht genügend untersucht. Und manches ist vielleicht sogar weniger dramatisch, als es sich bei der ersten Konfrontation darstellt. Der BR will sich daher ein wenig Zeit gönnen. Ein „Dreistufentest“ wird durchgeführt, mit dem alles untersucht werden soll. In diesem Sommer wird dem Rundfunkrat dann Genaueres unterbreitet.

Dem BR-Symphonieorchester zum Beispiel würde mehr Digitalisierung schon gefallen. Die Kollegen von den Berliner Philharmonikern haben seit einiger Zeit ihre „digitale Konzerthalle“ im Internet etabliert – mit Live-Übertragungen, Aufzeichnungen und vielen anderen Aktionen. Die Nutzergemeinde wächst täglich. Denkbar wäre das schon auch bei Deutschlands zweitem Weltklasse-Ensemble. Doch dafür wäre ein erheblicher technischer Aufwand erforderlich, angefangen von einer dauerhaft eingerichteten Mikrofonanlage bis zu ebenso fest installierten Kameras. Das freilich funktioniert nur in einem eigenen Konzertsaal. Und das ist nun wieder eine ganz andere, mindestens ebenso leidige Debatte.

von Markus Thiel

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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