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Noch lässig gekleidet probten die BR-Musiker und Sänger Christian Gerhaher (Mi.) gestern Vormittag in der Nationalen Konzerthalle von Taipeh – unter der alles dominierenden Orgel.

BR-Orchester: Mit „Mister Gerhaar“ in Taipeh

Zwei Wochen lang reist das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks durch China. Im Gepäck: Romantisches aus Deutschland und Österreich. Tournee-Auftakt war am Dienstagabend in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh.

Wie schön es doch sei, hier zu spielen. Welche Ehre. Wie man sich freue aufs enthusiastische Publikum. Und dann sprengt einer fast die Pressekonferenz, hält sich nicht lange bei solchen Formeln auf, sondern taucht nach wenigen Sekunden tief ein in Gustav Mahlers Lieder: Bariton Christian Gerhaher verwandelt sich ins lebende Programmheft. Zum Verdutzen der gut ein Dutzend Kameraleute samt Vertretern der schreibenden Zunft – und der tapfer lächelnden taiwanesischen Dolmetscherin.

„Nicht so existenzialistisch“ wie sonst bei Mahler seien die Stücke, die er singen werde. Um dann über den Jugendstil, das deutsche Volkslied, den musikalischen Chauvinismus zu referieren und die Geschichte des „Rheinlegendchens“ zu erzählen. Eine Journalistin tippt dazu hektisch in ihr kleines Notebook, die Übersetzerin braucht nur ein paar Stichworte. Minutenlang dauert ihr Vortrag, als sie endet gibt es Lachen und Applaus: „Was die wohl erzählt hat?“, argwöhnt ein Musiker.

Für Gerhaher ist es das chinesische Debüt, fürs weit gereiste BR-Symphonieorchester der Ausnahmefall. Japan, dieses Land steht fast jährlich auf dem Programm, doch Taipeh war das letzte Mal 2007 dran. Für die aktuelle Tournee leisten sich die Münchner Musiker zudem einen Seitensprung. Nicht Chefdirigent Mariss Jansons ist dabei, der gönnt sich gerade ein halbes Jahr Auszeit, sondern Daniel Harding. Ein ohnehin häufiger Gast, mit dem man sich für die Reise nun ein Pensum jenseits der üblichen 08/15-Reisewerke zumutet.

Brahms’ Violinkonzert (mit Christian Tetzlaff) mag da noch das „Normalste“ sein. Doch dann kommt es dicke: Brahms’ Doppelkonzert (mit den Orchestermitgliedern Anton Barachovsky und Maximilian Hornung), Schuberts große C-Dur-Symphonie, Bruckners Fünfte und eben Mahlers Rückert- und Wunderhorn-Lieder mit Gerhaher. Vor allem Letzteres liegt nicht eben häufig auf den Pulten des Ensembles. In einer spontanen Zusatzprobe gestern Vormittag mussten Harding und die Musiker daher an vielen kleinen Reglern drehen. Der leere Saal der Nationalen Konzerthalle im Chiang-Kai-Shek-Kulturzentrum, eine grenzwertige Mischung aus weißen Marmorelementen, rotbraunen Wänden und, im Falle der alles dominierenden Orgel, wuchtigem Neobarock, klingt so lala. Die optimalen Mahler-Einstellungen wird man noch finden, nicht alles rastete ein. Das mag eine Fremdelphase sein – oder die Nachwirkung des Jetlags (siehe Tagebuch). Am Sonntagabend ist die BR-Truppe in Taipeh nach gut 15-stündiger Reise gelandet. Montag war frei, angesichts des Nieselregens bei zwölf Grad trieb es da manchen ins Nationale Palast-Museum. Eine Giga-Sammlung mit Tausende Jahre alter chinesischer Kunst. Und zugleich ein Mahnmal jüngerer Geschichte: Die Räume beherbergen jenen Pekinger Palast-Schatz, den Chiang Kai-Shek in den Vierzigerjahren auf die Insel Taiwan „mitnahm“, als er die „Republik China“ gründete. Taipeh ist einer der Orte, an dem die BR-Truppe in den beiden Tourwochen relativ lange bleibt. Erst morgen geht es nach zwei Konzerten weiter, dann in die rote Volksrepublik auf dem Festland. Shenzhen ist dort die erste Station, es folgen Hong Kong, Suzhou, Shanghai und als Finale die Hauptstadt Peking. Das Plakat, mit dem zum Auftakt in Taipeh geworben wird, macht dabei jedem Kino-Blockbuster Ehre. Hinten das Orchester auf der Münchner Gasteig-Bühne, vorn groß, im schwarzen Anzug mit schwarzer Krawatte und energischem Blick eine Mischung aus Bluesbrother und 007: „Mein Name ist Harding, Daniel Harding“ fehlt eigentlich als Text...

Wobei die taiwanesischen Veranstalter mit den Namen ihre liebe Mühe haben. Der Dirigent kommt ihnen fast fehlerfrei über die Lippen. Andere werden als „Mister Mitbak“ (Orchestervorstand Werner Mittelbach), „Mister Gemach“ (Manager Stephan Gehmacher) oder „Mister Gerhaar“ (Christian Gerhaher) angesprochen. Und dem wird gleich auf der Pressekonferenz, nicht nur für ihn überraschend, die Frage gestellt, warum er sich eigentlich von der Medizin zur Musik verabschiedet habe. Das wisse er nicht mehr, das sei so lange her, entgegnet der Sänger lächelnd. „Ich habe drei Kinder, und sogar wenn es da ein medizinisches Problem gibt, fragt mich meine Frau lieber nicht.“

Markus Thiel

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