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Voll entbrannt für den Breslauer Saal: Mariss Jansons und sein BR-Symphonieorchester.

Europatournee der BR-Symphoniker

Orchester sucht den perfekten Saal

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Wrocław - Das BR-Symphonieorchester tourt derzeit durch Europa - und macht in Breslau eine überraschende akustische Erfahrung. Unser Kulturredakteur Markus Thiel begleitet die Musiker. 

Die bräunliche, holzige Trutzburg erhebt sich am Rand des historischen Zentrums. Unterbrochen ist die Fassade von hellen Glaslinien: Ein gigantisches stilisiertes Musikinstrument soll das sein, gewissermaßen eine quadratisierte Geige – Architekturen wie im polnischen Wrocław, im früheren Breslau, sind manchmal Interpretationssache. Drinnen durchziehen weiße Rampen die Foyers, das eigentliche Konzertsaal-Gehäuse grenzt sich davon ab wie ein schwarzer Innenschuh. Auch hier eine Assoziation. Man möge, so dachte sich das der Architekt, an Klaviertasten denken. Doch entscheidend ist ja ohnehin anderes, das Herz, der 1800 Plätze umfassende große Saal.

Ein Akustik-Trip ist diese Tournee

Von oben klingt‘s am besten: Blick in den großen Saal.

Erstmals gastiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Narodowe Forum Mzyki, im Nationalen Forum der Musik. Wie überhaupt die Münchner mit ihrem Chefdirigenten Mariss Jansons gerade besonders viele Debüts absolvieren. Nicht wie häufig nach Fernost oder Amerika geht es dieses Mal, sondern an Europas neue Kulturstätten. Gestartet wurde zwar im schon oft besuchten Doyen der weltweiten Saal-Landschaft, im Wiener Musikverein, doch dann folgte die im Januar 2015 eröffnete Pariser Philharmonie. Station drei: Wrocław, das Nationale Musikzentrum ist seit September 2015 in Betrieb. Von dort führte eine zweieinhalbstündige Busfahrt nach Katowice (Kattowitz), das sich seit Oktober 2014 ebenfalls mit einem neuen Kulturzentrum brüsten darf. Die nächsten Orte bieten dann wieder Vertrautes: Mailänder Scala, Luxemburg und schließlich der Concertgebouw in Amsterdam, Wiens ewiger Rivale.

Ein Akustik-Trip ist diese Tournee. Eine Stippvisite zu klanglich völlig unterschiedlichen Orten. Neben Ruhm und Renommee geht es dabei auch um Erkenntnisse für die künftige eigene Heimat im Werksviertel am Münchner Ostbahnhof: Wie soll unser Saal klingen, wie soll er aussehen? Vielleicht nicht unbedingt wie Paris. „Ja gut, schon okay“, so lassen sich die Reaktionen auf die dortige Philharmonie zusammenfassen. Drei plus gewissermaßen. Wrocław dagegen bekommt eine Eins. Und das ist dann doch überraschend für Musiker, Management und Dirigent.

Wrocław dagegen bekommt eine Eins

Der Saal tönt ohne Publikum bei der Anspielprobe fast besser als im Konzert. Trotz großer Bühne hören sich die Orchestermitglieder gut. Draußen, ob im Parkett oder auf den drei Rängen, gibt es eine hervorragende Mischung, wobei die Plätze oben besser sind. Trenn- und Tiefenschärfe verbindet sich mit einer Rundung des Klangs. Die Musik wird weich gefasst, bekommt Raum und Weite – da ist Wrocław schon sehr Ansprechendes gelungen. Genau wie im Wundersaal von Luzern wurde mit Klangkammern hinter den Seitenwänden gearbeitet. Die lassen sich je nach Größe des Ensembles und Massivität der Werke öffnen. Acht Grundeinstellungen wurden mittlerweile gefunden, wie Tateo Nakajima erläutert. Er ist einer der führenden Köpfe der US-amerikanischen Akustikfirma Artec, die schon für hochgepriesene Säle wie in Montréal oder Luzern verantwortlich war.

Kosten des neuen Musikzentrums: 110 Millionen Euro

Ein Geigenkasten im Quadrat: Das Nationale Musikzentrum eröffnete im Herbst 2016.

Vier Säle umfasst das Nationale Musikzentrum. Neben dem großen gibt es drei weitere kleinere mit einer jeweils eigenen farblichen Ästhetik. 110 Millionen Euro hat das alles gekostet – und wurde mit vierjähriger Verspätung eröffnet. Mit Bauproblemen hing das zusammen und mit einem tragischen Tod. Architekt Stefan Kurylowicz kam während der Arbeiten bei einem Flugzeugunglück in Spanien ums Leben, seine Frau und die Mitarbeiter führten das Vorhaben weiter. Rechtzeitig zum Jahr 2016, in dem sich das mächtig herausgeputzte Wrocław mit dem Titel Kulturhauptstadt schmückte, wurde aber alles fertig.

Seitdem gibt es nur Lorbeeren für den großen Saal. Vieles ist möglich, in alle Ausschlagsrichtungen. „Hier können wir unser schönes Pianissimo machen“, ermuntert Mariss Jansons bei der Probe. „Wir müssen nichts forcieren.“ Mahlers „Kindertotenliedern“ kommt das zugute, sie werden – trotz intensiver Klangsensualität – meist an der unteren Grenze musiziert. Auch weil Mezzosopranistin Janina Baechle sich gern (auch aus stimmtechnischen Gründen) in diesen Regionen bewegt. Davor ein erster Offensivitätstest mit Vladimir Sommers auffahrender Ouvertüre „Antigone“, bei Rachmaninows „Symphonischen Tänze“ hat sich das Orchester endgültig in die dankbare Akustik hineingeschmiegt. Zwei Zugaben, Standing Ovations. Draußen, im feuchtkalten Wetter, das eine dünne Eisschicht aufs Kopfsteinpflaster hext, blickt ein Musiker auf den Saal zurück: „Wir kommen wieder!“ Und das ist nicht als Drohung gemeint.

Passt ein Toyota-Saal zum BR-Symphonieorchester?

Vielleicht heißt es später einmal, dass sich am 2. Februar 2017 gegen 18 Uhr alles änderte. An jenem Zeitpunkt, als sich Mariss Jansons ins Parkett des Saales in Wrocław setzte, seinen Musikern zuhörte und über den Klang staunte. Bislang favorisieren er und weite Teile des BR-Symphonieorchesters die Räume des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota. Der war mehrfach in München hat zu allen Standorten seine Meinung kundgetan. Doch seit Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie, für die er eine kristalline, klare, auch unbarmherzige Akustik entwarf, scheint der Ruf etwas angekratzt. Im geplanten Münchner Saal hätte man's gern schon ein bisschen heimeliger. Für die BR-Musiker türmen sich daher gerade immens wichtige Fragen auf: Welche Akustik passt überhaupt zum Ensemble? Zu seinem gehaltvollen, nie kantigen Klang mit Turbo-Potenzial? Wohin will man sich entwickeln? Auch darüber soll nach Abschluss der Tournee mit den Entscheidungsträgern für den neuen Saal gesprochen werden. Jansons warb schon einmal für die Schuhschachtel-Form und grenzte sich damit von Weinberg-Varianten wie Hamburg ab. Er wolle zudem „einen runden, warmen Klang.“ Abgesehen davon gibt er sich puristisch. „Ich mag keine Säle, in denen man mit der Technik die Akustik ändern kann.“ Der Seitenhieb geht an Wrocław und Luzern. „Das Orchester muss kommen, im Saal spielen und sich daran gewöhnen.“

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