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Das Konzert mit Yo-Yo Ma in der Suntory Hall in Tokio war ein großer Erfolg.

Vorlieben des japanischen Publikums – BR-Symphoniker ernten Ovationen bei den Auftritten mit Yo-Yo Ma in Tokio

Deutsches nur von Deutschen

Tokio - Wagner und Beethoven mitten in Tokio: Das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks begeistert auf seiner Japan-Tournee das Publikum. Lesen Sie hier das Reisetagebuch, Teil 2:

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Pause? Vorerst nicht dran zu denken. Das Publikum in Tokios Suntory Hall klatscht unermüdlich, da betritt Yo-Yo Ma noch einmal das Podium. Ohne Instrument. Ein Schulterzucken, ein Schritt auf die erste Orchesterreihe zu, ein forderndes Lächeln – und schon hat sich der Star-Solist das Cello von Maximilian Hornung gegriffen. Spielt seine zweite Zugabe, verfolgt vom ungläubigen, leicht erröteten jungen Kollegen, der Minuten später hinter der Bühne umlagert wird.

„Lass’ den Schweiß dran, putz’ das ja nicht!“, raten lachende Orchestermitglieder mit Blick aufs „geweihte“ Cello, während Hornung das Erlebte schnell und cool verdaut hat: „Ich dachte erst: Meint der’s wirklich ernst?!“ Um dann pragmatisch zu werden: „Das verkauf’ ich jetzt für zehn Millionen Euro.“ Fünf nicht nur für Maximilian Hornung unvergessliche Minuten – sie sind der Höhepunkt des Abends. Endlich Tokio. Endlich Suntory Hall, wo die Fläche vor dem Eingang „Herbert-von-Karajan-Platz“ heißt und eine Autogrammwand hinter der Bühne von Barenboim über Celibidache und Ozawa bis zum gottgleich verehrten Sawallisch an legendäre Abende gemahnt. Eine Akustik mit Suchtgefahr. Und das Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks schmiegt sich förmlich in den Saal. Ein Klang, der viel Raum lässt, wie unter einer Extra-Portion Sauerstoff atmet, trotzdem jede Instrumentengruppe profiliert. Vor allem beim groß besetzten Wagner.

Bilder von der Tournee

BR-Symphonie- orchester auf Tournee in Japan

Eine eigenartige germanische Happenplatte zwischen „Tannhäuser“-Ouvertüre und „Ring“-Ausschnitten ist das, die Chefdirigent Mariss Jansons mehr von den klanglichen Entwicklungslinien her denkt, weniger von den dramatischen Erfordernissen: Wagner fast zu schön, um wahr zu sein. Zuvor Dvo(r)áks Cello-Konzert mit einem der sympathischsten Solisten der Klassikszene. Schon in der vormittäglichen Probe sucht Yo-Yo Ma mit aufmunternden Blicken, Augenzwinkern und Körperdrehungen ins Ensemble den ständigen Kontakt zum Tutti. „Sie sind sehr emotional“, sagt Jansons grinsend zu Yo-Yo Ma, als er in der Probe unterbricht. „Das Orchester aber auch. Sie kennen die nicht, ich schon. Wir müssen sehen, wie wir das zusammenbekommen.“ Das Ergebnis: temperament- und spannungsvolles Entertainment, das dem Opus gut steht – Ovationen.

Japan-Heimkehrer am Kontrabass

Gleichwohl: Anders als in den Tourneestationen Kurashiki, Nishinomiya und Fukuoka gibt es in Tokios Suntory Hall ein paar freie Plätze. Die Krise hat auch den Klassikmarkt in dem westverliebten Land getroffen, wie Eikazu Ouchi, Präsident des Tour-Veranstalters Japan Arts, bestätigt. Vor allem Hochpreis-Tickets, die bei den BR-Gästen bis zu umgerechnet 350 Euro kosten, verkaufen sich nicht mehr so leicht. Außerdem: „In der Vergangenheit hatten wir viele Sponsoren, in diesem und im letzten Jahr erleben wir eine schwere Zeit.“

Pro Jahr holt Japan Arts drei bis fünf Ensembles der Weltspitze mit immensem Aufwand ins Land. Eikazu Ouchi gibt zu, dass darunter die eigene Orchesterkultur leidet: „Wenn sich Musikliebhaber eine Karte kaufen, wollen sie sehr gute Qualität erleben.“ Was trotz Krise allerdings konstant geblieben ist, sind die Vorlieben der japanischen Konzertgänger. Russisches also gern nur vom Marinsky-Orchester mit Gergiev, Deutsches nur von Deutschen – da musste eben in Tokio Wagner her und zwei Tage zuvor, in der Acros Hall von Fukuoka, Brahms’ zweite Symphonie. Es ist die südlichste Station der zweiwöchigen Reise. Die Spätsommersonne lädt ein zum Flanieren am Fluss oder in den Geschäftsstraßen, deren aufgeräumter Charme an eine US-Metropole der Westküste erinnert. Tagsüber trifft man Orchestermitglieder in den Tempeln, auch im Apple-Store, wo Kopfhörer ausprobiert oder Mails gecheckt werden. Abends kann man sogar noch draußen sitzen – oder eben das Konzert im 2001 eröffneten Saal besuchen.

Eine halbe Stunde vor Beginn strömen die Leute durch die Schleuse mit den Kartenkontrolleuren, dahinter: Yamato Moritake. Der 25-jährige Kontrabassist ist Mitglied der BR-Orchesterakademie und in Fukuoka geboren. Auf wen er hier wartet? „Auf meine Oma und meine Oma-Oma“ – wie er die Urgroßmutter bezeichnet. Bei der vorangegangenen Japan-Tournee des Symphonieorchesters hat er sich ein Herz gefasst und Heinrich Braun, Stimmführer der Kontrabassisten, angesprochen, ihm dann auf dem Hotelzimmer vorgespielt. „Für einen Akademieplatz muss du dich schon bewerben“, riet Braun. Es klappte. Und als Yamato Moritake auch noch für die 2009er-Tournee ausgewählt wurde, hat er, wie sein Lehrer Braun erzählt, einen Luftsprung getan.

„Es ist unglaublich“, schwärmt Moritake, der in Tokio aufwuchs. Ausnahmsweise darf er beim Abend in Fukuoka vorn an der Rampe spielen, in Tokio wird er beim letzten der vier Suntory-Konzerte sogar in der kleinen Beethoven-Besetzung dabei sein. Und wie geht’s mit der Karriere weiter? „Schau ma mal“, formuliert es Moritake in fast astreinem Bairisch.

Markus Thiel

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