Brandopfer der Freizeit

- "So ein Ereignis ereignet sich nicht oft, das ist die beste Werbung, zur Hauptsendezeit." Die Rede ist von jenem Bergbahnunglück, das unter dem Ortsnamen Kaprun in die Chronik der modernen Katastrophen eingegangen ist. In ihrem jüngsten Theatertext "In den Alpen" hat Elfriede Jelinek die Toten und Überlebenden dieses Infernos zum Sprechen gebracht.

<P>Im ästhetischen Widerstand befindet sich Uraufführungsregisseur Christoph Marthaler, der als Zürcher Intendant um seinen Posten bangen muss und an den Münchner Kammerspielen Solidarität und Planungssicherheit genießt. In einer gespenstischen Talstation veranstalten Skiweltmeister und Verlierer, Einheimische und Heimatlose, Helfer und Opfer (es spielen unter anderem Christa Berndl, André´ Jung, Stephan Bissmeier) ein sprachgewaltiges Gipfeltreffen, von dem aus sie die Text-Geröll-Lawine zu Tal donnern lassen: Gewalt, Natur, Tod, Heimat, Sport und Lust. Wir kamen über E-mail mit der Autorin ins Gespräch.</P><P>"In den Alpen" _ ein trügerischer Titel oder doch ein Heimatstück? </P><P><BR>Jelinek: Im weitesten Sinn sind fast alle meine Texte Heimattexte, weil ich mich eben so an meiner lieben Heimat abarbeite, während die Heimat bloß daliegt, hübsch aussieht und gar nichts tut. Ich nehme diesem Heimatbegriff seine Unschuld. Vielleicht ist das überhaupt der Anstoß zum Schreiben bei mir: den scheinbar unschuldigen Dingen wie Sex, Sport, Freizeit ihre Unschuldsmaske herunterzureißen. Österreich ist nach der Katastrophe der Nazi-Zeit sehr rasch wieder zu dieser Unbeflecktheit des Schnees und der Berge zurückgekehrt. Ich habe das endlose Bedürfnis, die Erde wegzukratzen und den Untergrund, auf dem diese Lift- und Jausenstationen gebaut sind, bloßzulegen.</P><P>War Ihnen, als Sie die Bilder von Kaprun sahen, spontan klar, dass es sich dabei um ein charakteristisches "Jelinek-Ereignis" handelt? </P><P>Jelinek: Ja, ich habe sofort gewusst, dass ich etwas über diese Katastrophe schreiben würde. Es geht nicht darum, dass Katastrophen mich "aufgeilen". Das wäre wirklich verwerflich. Ich sehe in diesen Katastrophen immer das Exemplarische. Ich grabe sozusagen den Schutt und den Ruß weg und gerate unter die Erde, dorthin wo die Toten dieses Landes begraben sind. Das ist ja entscheidend an der nationalen Identität Deutschlands wie Österreichs. Sie ist weniger auf die großen Toten ihrer Geschichte gegründet als auf das Nichts, auf die Toten, die diese Länder erzeugt haben. </P><P>Der Autor als Totengräber? </P><P>Jelinek: Es ist eine Art Besessenheit. Ich habe es nicht in der Hand, einmal nicht hinzuschauen. Ich konnte die beinahe zu Staub verbrannten Toten von Kaprun nicht sehen, ohne an die Millionen Toten zu denken, die durch die Schornsteine geblasen wurden.<BR>Ihr Text macht vor nichts Halt. Sie imaginieren Details der Körpervernichtung.<BR>Jelinek: Man will als Autor an eine Grenze gehen, wo man nichts mehr beschreiben kann, weil das Geschehen buchstäblich jeder Beschreibung spottet. Diesen Punkt will ich immer finden, daher auch meine Ironie im Schrecken. Der Spott, der über den Schrecken gegossen wird, so wie manche Menschen lachen, wenn sie sich fürchten.</P><P>Was hat Sie beim Schreiben an diesen Szenen gereizt? </P><P>Jelinek: Katastrophen sind Auslöser, weil sie die Verhältnisse bündeln wie ein Laserstrahl. Die Katastrophe als jähes Ereignis zerstört den Mythos des Planbaren und der Berechenbarkeit. Dieses Vakuum versuche ich mit Sprache aufzufüllen, als ob die Sprache eine Art Dämmstoff wäre. Nach dem entsetzlichen Brandopfer unsrer Geschichte hat sozusagen der fröhliche Fremdenverkehr fröhliche Menschen, die zum Sport wollten, auch noch verbrannt. Als hätte das Land nicht schon genug Menschen verschlungen. Ich weiß, dass dieses Zusammenbringen von im Grunde verschiedenen Sachverhalten, Unfall und Verbrechen, gewissermaßen Unsinn ist. Beim Schreiben verknüpft man solche Sachen. Das Inferno hat auf die Dichter schon immer einen besonderen Reiz ausgeübt. </P><P>Lassen Sie deshalb Paul Celan "In den Alpen" auftreten?</P><P>Jelinek: Ich wollte für diesen Text unbedingt einen Außenseiter, einen von jeher Ausgeschlossenen, um dieses falsche Heimat- und Zusammengehörigkeitsgefühl zu durchkreuzen. Ich habe mich mit der Geschichte des Alpinismus beschäftigt, und es zeigt sich, dass die Juden schon in den 20er-Jahren aus den Sektionen des Alpenvereins ausgeschlossen wurden. Man hat sie sogar aus den Hütten ausgesperrt, und sie mussten ihre eigene Sektion gründen. Ich habe für diese Figur Sprachfetzen von Paul Celan verwendet. </P><P>"Gespräch im Gebirg" ist einer der berühmtesten Prosatexte der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur . . .</P><P>Jelinek: . . . ja, ein heikles Unterfangen. Mich interessierte die Fremdheit dieser Sprache. Dadurch kommt ein völlig anderer Sprachduktus hinein. Aus diesem Grund arbeite ich immer wieder mit Montagetechniken und Sprachmasken.</P><P>Wollen Sie das Gespräch mit einem Kommentar auf die Zürcher Theaterschlacht beschließen? </P><P><BR>Jelinek: Also das Schrecklichste, was ich mir vorstellen kann, wäre die reine Kapitalisierung der Kunst. Wenn die Kunst nach ihrem Profit beurteilt wird, dann ist sie wirklich für immer verloren. Künstler wie Marthaler müssen ihre Arbeit sorgenfrei machen können. Die Kunst muss ein Bereich bleiben, in dem reine Nützlichkeitserwägungen, gar finanzielle, draußen zu bleiben haben. </P><P><BR><BR> </P>

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