Brandstifter unter Biedermännern

- "Ist das jetzt großartig oder grauenhaft?", fragt mitten im fünften Akt der Schulmeister. Das steht natürlich nicht im Text. Aber Robert Joseph Bartl, der den Lehrer spielt, als sei er ein Clown, setzt diesen Satz dennoch mit glutäugiger Ironie ans Ende jener Szene, in der Brand, der gottbeseelte Eiferer, seine Gemeindeschelte mit einigem Fanatismus ins Publikum schleudert und ihn das aufgeputschte Dorfvolk auf den Schultern abträgt. Bartl dürfte so manchem Premierenbesucher aus der Seele gesprochen haben.

Denn es bleibt auch nach dieser Aufführung im Münchner Residenztheater ein durchaus zweifelhaftes Unternehmen, das Stück "Brand" wieder aus der Versenkung zu holen. Thomas Langhoff, der ausgewiesene Ibsen-Spezialist, aber tat es. Und da sich Ibsens frühes Drama von 1866 (in der "Faust"-nahen Vers-Übersetzung von Christian Morgenstern) um die Themen Schuld, Erbsünde und absolute Identität mit sich und Gott dreht, da von Dornenkrone die Rede ist und die Titelfigur als Prediger, Heilsversprecher und Märtyrer daherkommt, kam dem Regisseur - obwohl doch eher atheistisch orientiert - der Abend vor Karfreitag als Premierentermin gerade recht. In diesem Fingerzeig Langhoffs allerdings steckt genau ein Funken jener Unaufrichtigkeit, die Ibsens Pastor Brand als billige Gottgefälligkeit geißelt.

Doch das nur am Rande. Was mag Langhoff und das Bayerische Staatsschauspiel tatsächlich dazu bewogen haben, dieses Stück zu spielen? Wohl kaum die Tatsache, dass hier in sechs Wochen mit "Baumeister Solness" schon der nächste Ibsen über die Bühne geht. Eher die zeitkritische Nähe des Dramas zu unserer Gegenwart; der Zorn, der sich dagegen richtet, dass sich die Menschen Gott auf ihr bequemes Maß zurechtstutzen; aber auch, dass sie anfällig sind für den Fanatismus eines Hass- und Heilspredigers wie Brand. Vor allem aber - und das ist Langhoffs Fach - die Beziehung der Eheleute und ihre Liebe, die der Pfarrer seinem Credo "Alles oder nichts" hingibt. Brand, sein Name ist Brand. Es brennt in ihm. Ein Held im Glauben, gefürchtet in seiner Unerbittlichkeit, bewundert in seinem Mut und der Fähigkeit, den Menschen ins Herz zu schauen. Erbarmungslos und selbstgerecht, ausgestattet mit dem Pathos des Wollens - so tritt dieser Brand an, gegen die Beliebigkeit zu kämpfen. So opfert er das Leben seines Kindes, das seiner Frau und sein eigenes. In Stefan Hunstein hat Langhoff einen Brand, der klug mit den - wenn auch gewaltig zusammengestrichenen - Texttiraden umzugehen weiß; der sich die schnelle und wohlfeile Aktualisierung dieser Figur versagt; der sie in ihrem Gotteskriegertum, ihrer Faschismus-Nähe, aber auch in ihrer Traurigkeit zur Diskussion stellt.

Hunsteins Pfarrer ist ein Brandstifter unter den Biedermännern. Wie eine sich selbst verzehrende Fackel steht er immer wieder kerzengerade und unangefochten in diesen ewigen Eisbrocken, mit denen Stefan Hageneier sehr poetisch und symbolistisch die Bühne ausgestattet hat. Aber auch Hunstein kommt nicht ungefährdet über Ibsens Monologberge hinweg. Am besten ist er daher immer in den sehr scharf geführten, direkten Auseinandersetzungen. Etwa mit dem Landrat, von dem der großartige Rainer Bock eine sehr treffende, komische, weil übliche Politiker-Type zeichnet. Oder mit dem Propst, dem der ausgezeichnete Ulrich Beseler gefährliche Jovialität verleiht. In solchen Streit-Dialogen offenbart sich Langhoffs ganzer Reichtum der Schauspielerführung. Am schönsten allerdings in den Eheszenen. Sie und vor allem Agnes sind der Kern dieser Inszenierung: der dritte und vierte Akt, im Pfarrhaus, ein mehrere Jahre umfassender Zeitraum, mit kurzen Blackouts als jeweilige Zäsur. Über den Tod des Kindes und Brands Verbot, über diesen Verlust zu trauern, ja, dass er sie am Weihnachtsabend zwingt, einer Bettlerin Taufkleid, Mäntelchen und alle anderen Erinnerungsstücke herzuschenken - darüber kann Agnes nicht hinweg. Beim "Gute Nacht"-Sagen wartet sie noch einmal auf Trost von Brand. Sein Blick aber ist nur in die Ferne gerichtet.

Dass Agnes sich hier in den Tod verabschiedet hat, erfährt der Zuschauer einen Akt später. Eine junge Schauspielerin stellt sich in dieser Rolle erstmals in München vor: Stephanie Leue. Wunderbar in ihrer altmodischen Verhärmtheit und Genügsamkeit, ihrer trostlosen Fraulichkeit, ihrem plötzlichen Aufleuchten, wenn sie sich das tote Kind vergegenwärtigt. Wie sie sich, leicht gebeugt, nach innen gekehrt, allmählich loslöst von Brand, um ihre Liebe zu ihm zu retten, sehr unspektakulär und immer ganz bei sich - das ist das Herzstück der Aufführung und das Glanzstück des Abends. Das lässt einen den wenig gelungenen Anfang und die musikalische Berieselung getrost vergessen. Und auch darüber hinwegsehen, dass fürs Finale Langhoff nicht mehr eingefallen ist, als Ibsens ausführlichen Fantastereien und Traumerscheinungen zu streichen und Stefan Hunstein unverständlich brabbelnd durch die Eisgletscher humpeln zu lassen. Und kein Theatergott, der - wie von Ibsen gewollt - eine Lawine schickt.

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