Ich brauch’ meine Spiegeleier

Er fängt die jungen Schauspieler auf: Christian Stückl erarbeitet „Richard III.“ fürs Münchner Volkstheater

"Geht mal ganz trocken den Text durch, eh’ wir richtig einsteigen", ruft Christian Stückl aus dem Zuschauerraum seinen Schauspielern auf der Bühne zu. Es ist elf Uhr vormittags, Justin Mühlenhardt, Robin Sondermann und Axel Röhrle stehen im wechselnden Scheinwerferlicht. Sie tragen Anzüge, was für eine Probe ungewöhnlich ist. Aber wahrscheinlich sind sie schon im Kostüm.

Werden also von Catesby und den Lords Hastings und Stanley auch bei der Premiere getragen. Aufsichtsratsvorsitzende, Manager, Minister. Sie gehören zum Gunstkreis des kommenden Mannes am britischen Hof – zu Richard, Herzog von Gloster. Im Münchner Volkstheater inszeniert derzeit Christian Stückl „Richard III.“ von William Shakespeare. Am 20. November ist Premiere.

Eigentlich sollte es jedem Theatergänger einmal erlaubt sein, eine Bühnenprobe zu besuchen. Gerade weil acht Tage vor der ersten Vorstellung alles erstaunlich unfertig wirkt. Umso mehr erscheint es einem dann wie ein Wunder, wenn bei der Premiere „richtiges“ Theater geboten wird. Der Sprung bis dahin ist, so scheint es, riesengroß.

An diesem Vormittag ist das „Richard“-Ensemble erstmals auf der Bühne. Bis dahin war nur Probebühne angesagt. „Das“, so Stückl, „stellt alles auf den Kopf.“ Zum ersten Mal ist das originale Bühnenbild mit der Schiebewand aufgebaut, die sich wie eine Tür unterschiedlich weit öffnen lässt. Sie trennt das Draußen, die grüne Weidelandschaft, vom Drinnen.

Die jungen Akteure laufen sich sozusagen erst einmal warm, singen sich ein, markieren nur, was sie wenig später spielen werden. Es ist die Szene, in der Hastings früh um vier von Stanley aus dem Schlaf gerissen wird, um ihn zu warnen vor Richards Mordplänen: „Ich träumte, ein Eber riss im Traum den Helm mir ab...“ Aber lachend schlägt der hoch in der Gunst Richards stehende Lord die Warnung in den Wind. Ein Dritter, Catesby, kommt wie zufällig an der geöffneten Tür vorbei, grüßt, gesellt sich zu ihnen.

Alles recht bedeutungsschwanger. Bis sich der Regisseur einmischt. Satz für Satz bringt er die Situation auf Normalmaß. Das heißt: Stückl spielt plötzlich mit, gibt sogenannten Subtext vor. Zum Beispiel für Hastings’: „Es ist mitten in der Nacht; ich stehe sonst um acht auf, jetzt werde ich um vier geweckt! Da kocht der sich doch erst mal einen Kaffee. Ungehalten muss dieser Hastings sein über die Störung. Das muss gespielt werden, als wolle er sagen: Ich brauch’ meine Dusche, ich brauch’ meine Spiegeleier, bitte geht jetzt endlich.“

Gleichzeitig übernimmt Stückl den Part Catesbys, der so lässig im Vorbeigehen zur Tür hereingeschaut hat und Hastings nun die „frohe Botschaft“ überbringt, dass sein Rivale sterben soll, „noch heute“. Wie das zu sagen, wie darauf zu reagieren ist – Stückl spielt alles vor, voller Lust, verführerisch und immer voller Charme.

Gut, jetzt ist alles gesagt. Die Szene also noch einmal von vorn. Stückl geht von der Bühne runter ins Parkett, steht neben seinem Regiepult. Weit breitet er die Arme aus – wie gebannt und in Erwartung, als würde er alles gleich zum ersten Mal sehen. Und unterbricht doch wieder sofort. Und abermals alles auf Anfang. Jetzt scheint es, dass ihm die Shakespeare-Dialoge wie Musik sind, die er mitatmend in feinen Armbewegungen dirigiert. Wieder wird unterbrochen, noch einmal durchgesprochen die Situation der Szene, die Sorge Stanleys, die Haltung Hastings. Die Schauspieler müssen vergessen, dass sie das Ende der Geschichte kennen, müssen für ihre Rollen die spielerische Unbefangenheit herstellen. „Jetzt machen wir’s noch einmal, dann gehen wir weiter.“ Dabei ist ihm anzumerken, am liebsten würde er sich gar nicht trennen von dieser Szene. „Noch einen Satz...“

Doch im Zuschauerraum haben schon die Kollegen für die nächste Szene Platz genommen. Für zwölf Uhr hat der Probenplan sie bestellt. Man wartet ungern. Und das Stück hat ja noch so viele Bilder, die alle die ganze Aufmerksamkeit des Regisseurs beanspruchen. Eine Stunde für eine Druckseite Text, für – am Abend der Vorstellung – höchstens zehn Minuten.

Wechsel zur nächsten Szene. Ratssitzung bei Richard. Tisch und Stühle werden auf die Bühne gestellt. Wie soll der Tisch stehen, in welchem Winkel zur Rampe? Stückl saust durch die Parkettreihen von rechts nach links und wieder zurück, kontrollierend, ob auch von jedem Platz aus alles gut zu sehen ist.

„Jetzt macht die Szene einfach nur mal textlich durch.“ Natürlich geht es darin wieder darum, wer aus dem illustren Kreis der Lords als nächster im Auftrag Richards abgemurkst wird. Diesmal wird es Lord Hastings treffen, der sich doch soeben noch ganz sicher wähnte.

Als Schauspieler jetzt dazugekommen: Stefan Murr, der den Herzog von Buckingham spielt, Thomas Kylau als Kardinal. Und Nico Holonics. Weißes Hemd, enge schwarze Hosen, Stiefeletten mit erhöhten Absätzen. Fester Gang, durch und durch Hochspannung. Das ist, ganz klar, der Darsteller des Richard. Bis auf Kylau sind sie alle sehr jung. Zu jung? Wer Christian Stückl bei der Probenarbeit zuschauen darf, beobachtet, wie er Szene für Szene, Satz für Satz mit ihnen durchspricht und aufs Alltägliche, Gegenwärtige herunterbricht. Um zu sagen: Die Situationen, in die hier Shakespeares Figuren geraten, sind uns ganz nah. Da muss sogar eine Volkstheater-Aufsichtsratssitzung herhalten. Stückl gibt zum Besten, wie er, um nicht restlos der Langeweile zu erliegen, die Führung einfach an sich reißt. „Mein Gott“, so Stückl, „mag sich der Buckingham jetzt denken, was ist der Kollege Hastings nur für ein Gschaftlhuber.“

Da sitzt dieser große Verzauberer für eine Weile ganz ruhig mit seinen Akteuren an jenem Konferenztisch Richards. Es geht um die innere Haltung der Figuren. Es wird gefragt und erläutert, gelacht und gerätselt. Ehe es zum x-ten Mal erneut von vorn beginnt. Und schon tigert Stückl wieder durch die Reihen, unterbricht, springt auf die Bühne, spielt vor, verführt zum richtigen Ton, schaut sich die Wiederholung von unten an. Ganz unangestrengt, so, als habe man bis zur Premiere noch alle Zeit der Welt. Als würden die jungen Schauspieler wissen: Wie’s auch ausgehen mag, der Stückl fängt sie auf.

Sabine Dultz

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