Ich brauche Futter

- Flug LH 1281 von Köln nach München, pünktliche Ankunft zwei Stunden vor der Probe. "Boah, jetzt hab' ich erst mal Hunger." Denn Singen "ohne etwas im Magen", das geht für Christiane Oelze nicht, auch nicht bei Bach, mit dessen Weihnachtsoratorium die Sopranistin heute im Prinzregententheater zu hören ist. Enoch zu Guttenberg dirigiert dort seine Chorgemeinschaft Neubeuern und das Orchester der Klangverwaltung. Christiane Oelze stammt aus Köln, studierte dort und in Frankfurt und kann mit Auftritten bei den Salzburger Festspielen, in Glyndebourne, London, Hamburg oder Berlin schon eine beeindruckende Karriere-Bilanz vorweisen.

<P class=MsoNormal>Sie sind in einem evangelischen Elternhaus aufgewachsen. Da müsste Ihnen Bach ja in die Wiege gelegt worden sein.<BR>Oelze: Gar nicht. Mein Papa, er wird nächstes Jahr 87, liebt Beethoven, und dann vor allem von Furtwängler. Überhaupt bin ich sehr frei erzogen worden. Oft war ich mit meiner Freundin unterwegs, die waren insgesamt sieben Geschwister. Was bedeutet: Die Familie muss katholisch sein (lacht).</P><P class=MsoNormal>Seit einem guten Jahr unterrichten Sie an der Hochschule in Düsseldorf. Haben Sie gar keine Angst vor der Verantwortung jungen Sängern gegenüber?<BR>Oelze: Die Verantwortung spüre ich schon. Aber mir macht's auch irrsinnigen Spaß. Neben der Technik muss man den jungen Sängern vor allem beibringen, Herzblut zuzulassen. "Sei du selbst, sei einfach mal ehrlich", habe ich immer zu hören bekommen. Und das sage ich jetzt auch den Schülern. Ich habe in den 17 Jahren meiner Karriere viel Wissen ums Singen angesammelt. Also habe ich auch die Verantwortung, das weiterzugeben.</P><P class=MsoNormal>Und wie schwierig ist es als Sänger, selbstkritisch zu bleiben? Der Applaus . . . Die Gagen . . .<BR>Oelze: Klar, das kann süchtig machen. Aber alles oberflächlich nur zu akzeptieren, rächt sich doch bald. Wenn ich mir heute meine alten Aufnahmen anhöre, denke ich mir: Du konntest doch schon früh sehr viel. Wodurch ich einen enormen Anspruch an mich selbst bekam. Wichtig ist aber an dem ganzen Gesang nicht unbedingt die Technik, sondern die Einstellung. Ich singe zuallererst für mich selbst und muss mich an meiner Stimme erfreuen können. Wenn ich nicht selbst für mich etwas 'rausziehe: Wie soll ich anderen etwas geben können?</P><P class=MsoNormal>Neben Technik und Einstellung gibt's allerdings noch die PR-Maschinerie. Das "Image".<BR>Oelze: Ich behaupte: Die Konkurrenz im Gesangsgeschäft wird immer größer, der Perfektionsanspruch hat zugenommen. Aber das Niveau sinkt. Womit die "Image-Macher" immer wichtiger werden, ohne jetzt Beispiele einiger Vokalstars nennen zu wollen. Schlimm finde ich, wenn dann einem Sänger von außen eine Persönlichkeit aufgebürdet wird. Ich bin zwar im Geschäft, wurde aber nie hochgepusht. Was ich besser finde. Lieber ist mir, wenn es heißt: "Die Oelze ist eine sehr gute, zuverlässige Sängerin, die sich stetig und klug entwickelt hat." Als wenn gesagt wird: "Was für ein Star! Und wann wird er abstürzen?"</P><P class=MsoNormal>Haben es Regisseure eigentlich leicht mit Ihnen?<BR>Oelze: Ich gelte als schwierig. Weil ich eben so viel frage. Am liebsten war mir die Zusammenarbeit mit Johannes Schaaf, der wunderbar auf Sänger eingeht. Mit Konwitschny beim Hamburger "Rosenkavalier" gab's einige Diskussionen. Früher habe ich viel körperlichen Einsatz auf der Bühne zugelassen, jetzt nicht mehr. Ich muss einfach in Ruhe singen können. Meine Stimme gibt's eben nicht ohne meine Persönlichkeit.</P><P class=MsoNormal>Und wohin entwickeln Sie sich?<BR>Oelze: Ich möchte mich übers Repertoire profilieren, ich brauche keinen Interpretenkult. Ich brauch' Futter. Ursprünglich komme ich ja vom Lied, was ich intensiv pflege. Zu meiner Stimme passt wunderbar Mozart, Wolf, aber auch das 20. Jahrhundert, die Neue Wiener Schule wie Webern. Die Intervalle machen mir komischerweise überhaupt keine Schwierigkeiten. Mir liegt auch Weill, dieses Chansonartige, das ich dann auch ein bisschen "dirty" singe. Auf der Opernbühne steht natürlich der Wechsel zu reiferen Partien an. "Figaro"-Gräfin, nicht mehr Susanna. Ich könnte mir auch Strauss' "Daphne" vorstellen -  die Titelpartie wird doch immer zu schwer besetzt.</P><P class=MsoNormal>Strauss passt zu Ihrer Mozart-Stimme?<BR>Oelze: Warten Sie's ab. Muss ja nicht gleich sein. Früher war mein Sopran ein prickelnder Weißwein, jetzt beginnt er sich zu röten. Warum soll nicht ein toller Rothschild dabei herauskommen? </P><P class=MsoNormal>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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