Ich brauche keine Sprache

- Tänzer sprechen durch ihren Körper. Ihre Stimme interessiert in der Regel wenig. Umso erstaunlicher, wenn sie dennoch unverhofft die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bei Kirill Melnikov (35) ist das der Fall. Und plötzlich erklärt sich seine virile Ausstrahlung auf der Bühne, ebenso der starke darstellerische Ausdruck dieses Ersten Solisten des Bayerischen Staatsballetts. Kein Zweifel, Kirill Melnikov ist als Tänzer ein grandioser Schauspieler.

<P></P><P>Romeo, Tybalt, Onegin, Solor, Lescaut, Petrucchio, der Schwanensee-Prinz - Rollen, die das belegen. Partien, für die er von dem Ballett-Publikum geliebt wird und das ihm dafür heuer den Merkur-Theaterpreis zugesprochen hat.</P><P>Seit zehn Jahren gehört Kirill Melnikov zum Staatsballett. "Meine erste Vorstellung hier war der Onegin. Ich konnte zwei Wochen lang nicht schlafen vor Aufregung. Ich hatte andere gute Tänzer in dieser Rolle gesehen, mir aber jedes Mal gedacht, ein Russe würde das nie so tanzen. Ich musste gut sein; denn wer könnte besser einen russischen Charakter zeichnen als ein russischer Tänzer? Als Russe fühle ich doch ein bisschen anders als die anderen." Und er war natürlich gut.</P><P>Ein Jahrzehnt München: Dass sie über einen so langen Zeitraum in dieser Stadt bleiben würden, hatten er und seine Frau, die Ballerina Elena Pankova, ursprünglich nicht gedacht. Das junge Paar - beide waren sie Solisten am weltberühmten Kirov Ballett - hatte die von Gorbatschow herbeigeführte politische Öffnung gen Westen genutzt, um sich in der internationalen Welt des Balletts umzusehen. 1990 ging man nach England, tanzte auch in den USA, ehe sie sich 1992 die Bühne des Münchner Nationaltheaters eroberten.</P><P>Warum weg aus St. Petersburg? Melnikov: "Kirov - das ist ein Museum des klassischen Balletts. Ich aber wollte etwas Neues erleben. Ich war sehr jung, ich konnte noch alles ausprobieren." Und es bestand ja die Möglichkeit, wieder nach Hause zurückzukehren. "Meine Eltern, Geschwister, Großeltern - alle leben sie in St. Petersburg. Wir haben jetzt auch eine Wohnung dort, denn meine Frau studiert in St. Petersburg Tanzpädagogik. Aber unser Zuhause, das ist nun doch München geworden." Denn es ist das Zuhause des Sohnes Andrej, der hier bereits in die dritte Klasse geht.</P><P>Seine Ausbildung als Pädagoge hat Kirill Melnikov in München absolviert. Seit vier Jahren unterrichtet er an der Ballett-Akademie/ Heinz-Bosl-Stiftung und ist ein begehrter Lehrer für Pas de deux. Doch gerade im Ausbildungsbereich sind die Probleme, mit denen die Sparte Ballett in Zukunft verstärkt konfrontiert sein wird, klar erkennbar: Es mangelt eklatant an Nachwuchs. Melnikov: "Ich sehe es doch, Eltern geben ihre Kinder nicht mehr ins Ballett, weil das ein Beruf ist, der keinerlei Sicherheit bietet über den Zeitraum ihrer aktiven Tanz-Laufbahn hinaus. </P><P>Und in dem sich auch nicht viel Geld für eine eventuelle Vorsorge verdienen lässt. Entweder wird man ein Superstar - aber wer wird das schon? - oder man beginnt nach 15 Jahren eine neue Ausbildung. Dabei könnte ein Tänzer natürlich länger als 15 Jahre tanzen. Es gibt Solisten, 33 Jahre alt, die zwar als Tänzer ganz okay sind, die aber dennoch aufhören und plötzlich Steuerberater werden. Zehn Jahre später wären sie nämlich zu alt für einen Berufswechsel."</P><P>Die Folgen? Melnikov: "Die ältere Tänzer-Generation tritt zu früh ab, für die Jungen gibt es keine Vorbilder, es kommt zu keiner Tradition. Gut, mit 45 kann ein Tänzer vielleicht nicht mehr so toll springen, aber die Jungen könnten immer noch von ihm oder von ihr jede Menge lernen."</P><P>Als Kirill Melnikov sich entschied, Tänzer zu werden - damals hieß St. Petersburg noch Leningrad und Russland war ein Teil der mächtigen Sowjetunion -, musste er keine Zukunftsüberlegungen anstellen: "Ich wusste, dass ein Tänzer nach 20 Jahren eine Rente bekommt." In Deutschland ist das anders: "Hier müsste man - schließlich werden nicht alle Ballettmeister oder Ballettpädagoge - eigentlich bis 65 auf der Bühne herumkrabbeln, vielleicht als Ameise im Tanztheater - aber wer braucht das denn?"</P><P>Ausgebildet in der klassischen russischen Schule, ist Kirill Melnikov dennoch, was den Tanzstil betrifft, sozusagen zweisprachig. Er beherrscht die Moderne ebenso wie die russische Allüre, die er sich über all die Jahre im Westen bewahrt hat. Melnikov: "Ein klassisch gut ausgebildeter Tänzer kann nach einem Jahr auch modern tanzen. Umgekehrt ist es sehr viel schwerer." Für ihn also kein Problem. Es gibt andere Probleme, die aber das gesamte Staatsballett betreffen: Das ist das Gefühl der geringen Akzeptanz. Warum, fragt er sich, führt nicht mal einer der berühmten Schauspielregisseure, die so gerne in der Oper gastieren, beim Ballett Regie? "Vielleicht, weil Ballett nichts wert ist? Hier im Westen steht es, anders als in Russland, immer ein bisschen unter der Oper."</P><P>Diese Rangordnung, die einen so leidenschaftlichen Künstler wie ihn traurig stimmen muss, bekommen die Tänzer oft genug auch durch die Orchestermusiker zu spüren. Melnikov: "In der Oper, wenn Zubin Mehta dirigiert, sind sie perfekt, blicken zitternd zu ihm auf. Im Ballett nehmen sie die Musik nicht ernst, obwohl sie doch von Tschaikowsky, Glasunow, Prokofjew oder Schostakowitsch ist. Wenn ich so schlecht tanzen würde wie die Musiker manchmal spielen, ich wäre in der nächsten Saison gekündigt."<BR>Hat er jetzt vielleicht zu viel gesagt? Eigentlich ist doch Melnikovs Credo: "Ich bin glücklich, dass ich ein Tänzer geworden bin, da brauche ich keine Sprache."</P>

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