+
Gerhard Polt bei der Pressevorbesichtigung seiner Lebens- und Werk-Schau in der Galerie des Literaturhauses.

„Braucht’s des?! Gerhard Polt zum 70sten“

München - Das Münchner Literaturhaus zeigt das audiovisuelle Panorama „Braucht’s des?! Gerhard Polt zum 70sten“.

Eindeutig am besten gefällt ihm das Kripperl, dem Gerhard Polt. Ihm und seinem 70. Geburtstag (7. Mai) zu Ehren präsentiert das Münchner Literaturhaus in der Galerie jetzt die Ausstellung „Braucht’s des?!“. Ja, braucht’s! Weil Polt dezidiert eingegriffen hat, weil Kuratorin Sandra Wiest und Chef Reinhard Wittmann mit ihm auf einer Wellenlänge agiert haben und vor allem dem Gestalter-Team unodue (Costanza Puglisi und Florian Wenz) eine Mischung aus moderner Videoschau und Fetisch-Inszenierung gelungen ist. Eines dieser Kultobjekte ist erwähntes „Kripperl“. „Mein erstes großes Entertainment-Erlebnis in Altötting“, charakterisiert es Polt. Dabei geht es nicht um Jesu Geburt. Man sieht vielmehr ein Kircherl mit Brunnen und Andächtigen. Wenn man einen Knopf drückt, erklingen die Glocken, öffnet sich die Kirchentür und das Christkind kommt heraus. Um dieses kleine Theater in der Kirche erleben zu dürfen, musste man üblicherweise Geld spenden, in der Schau steht der Polt-Satz daneben: „Heute gratis an der Vatikanbank vorbei.“ Der bayerische Philosophen-Kabarettist genießt das kleine Spiel noch immer und weist einen sofort auf den zusätzlichen olfaktorischen Reiz hin: „Der Weihrauch is a ganz a guader – ausm Oman.“

Natürlich verliert die Kuratorin trotz solcher Höhepunkte nicht die Polt-Gesamtschau aus dem Auge. Lebensstationen werden abgeschritten, freilich immer so, wie es der Meister wünscht. Ein langes, niederes, schlichtes Podest zieht sich durch die Halle mit ihren beiden Säulenreihen. Sie wirkt wie ein Kirchenschiff. An den Seitenwänden laufen Ausschnitte von Episoden: von „Fast wia im richtigen Leben“ (TV) über „Man spricht deutsh“ und „Herr Ober“ (Filme) bis „Offener Vollzug“ (Theater). An der Stirnwand aber, riesenmächtig, philosophiert Polt als „Bootsverleiher“ (im Winter dick eingemummelt!) über diese lebenserfüllende (Nicht-)Tätigkeit. All diese Werk-Schnipsel sind auch hörmäßig zugänglich, und zwar durch die Audioapparate. Polt selbst ist das außerordentlich wichtig im Hinblick auf die vielen Menschen, die sich bei ihm beklagen, dass sie für seine Auftritte nie Karten bekommen.

Auch dass die Exposition eine Gaudi sein solle, wäre dem Jubilar am Herzen gelegen, fügt Wittmann an, das sei einer der Pflöcke gewesen, die Polt gleich eingeschlagen habe. Er selbst meint, er sei schon vorsichtig gewesen bei dem Projekt, aber „besser eine Ausstellung als ausgstopft“. Der Visitenkarten haltende Bär (von Thomas Mann) im Literaturhaus scheint Polt diesbezüglich nachhaltig traumatisiert zu haben. Mit anderen Worten, eine Biografie war nicht erwünscht: „I mecht aufs Morgn denga, aber net aufn Dod. Des intressiert mi am allerwenigstn.“ Obwohl er schon weiß, dass auf seinem Grabstein möglichst „eine 4 plus oder 3 minus“ fürs eigene Leben stehen möge. Beerdigt wird Polt von dieser exzellent gestalteten Schau also auf keinen Fall, schon deswegen nicht, weil er als begnadeter Erzähler bei jeder Station auf dem Lang-Podest auf Bildschirmen mit dabei ist. Das zerknüllte Stück Papier mit Fingerabdruck macht den Anfang, und es geht über Kindheitsstationen in Altötting und München – mit Seitenhieb auf die architektonischen Zerstörungen dort – zu einer Rarität, dem ersten Hörspiel von 1977, „Als wenn man ein Dachs wär in seinem Bau“. Die Anfänge mit Hanns Christian Müller und Gisela Schneeberger fehlen genauso wenig wie die Zensureingriffe von ZDF („Ich sag nix“ bei der Übertragung der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises, 1980) und BR („Scheibenwischer“-Abschaltung, 1982). Es gibt Fan- und Beschwerdepost, auch von ihm selbst an die Stadt München (Zweitwohnungssteuer) sowie Ausflüge nach Italien und Schweden, wo Polt sogar vor dem herzlich lachenden Königspaar aufgetreten ist und eines seiner Lieblingsthemen, die Geschichte, zwischen Stockholm und Schliersee ventilierte.

Kennt man das alles ganz gut, sind die Berichte aus der DDR („Neues Deutschland“, „Leipziger Volkszeitung“) von einem Polt-Biermösl-Blosn-Auftritt schon besondere Fundstücke genauso wie die Collage aus Hitler-Rede (nur im Bild) und dem Polt-Text „Der Leasingvertrag“ (2006, Bremer Hochschule, Semesterarbeit). Selbst der legendär und sprichwörtlich gewordene Sketch „Mai Ling“ (aus „Da schau her“, 1978) war schwer zu bekommen, berichtet Kuratorin Wiest. Zu loben ist sie auch für so herrliche Fetische wie das Resterl des zerschlissenen „Sommerstoibers“, das Leinentrachten-Sakko etwa für die Auftritte bei „Tschurangrati“ (1993), oder den Konzertmitschnitt, in dem Polt als Trucker-Horst zusammen mit den Toten Hosen und der Biermösl Blosn einen Song trällert (1999). AusstellungsFazit – um es mit Polt zu sagen: „I hab mi gfreit!“

Simone Dattenberger

Bis 10. Juni

Di.-Fr. 11-19 Uhr, Sa./So./Feiertage 10-18 Uhr, Begleitprogramm ab 18. März, Programm: www.literaturhaus-muenchen.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Indische Experimente am Volkstheater
Bereits zum zweiten Mal inszeniert der indische Regisseur Sankar Venkateswaran am Münchner Volkstheater. Wir haben den Theatermacher vor der Uraufführung seines …
Indische Experimente am Volkstheater

Kommentare