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Fredrik Rydman ist vermutlich der erste Choreograph, der Streetdance und Modern Dance organisch verwebt und in ein Handlungsballett zwingt.

Premiere im Prinzregententheater

"Swan Lake Reloaded": Breakdance küsst Tschaikowsky

München  - Dieser Choreograph macht neugierig auf mehr: Fredrik Rydmans „Swan Lake Reloaded“ ist zu Gast in München. Im Prinzregententheater lässt er Breakdance und Romantik miteinander verschmelzen.

Wenn „Schwanensee“ auf dem Plakat steht, braucht der Veranstalter um die Auslastung nicht zu bangen. Auch wenn der so beliebte Tschaikowsky-Ballettklassiker aus dem Jahr 1895 ins Rotlichtmilieu verlegt und mit Breakdance neu aufgeladen ist: Die Vorstellungen von „Swan Lake Reloaded“ (2011), ein Sechs-Tage-Gastspiel in München des vorab hymnisch angekündigten Schweden Fredrik „Benke“ Rydman , sind bereits fast alle ausverkauft.

Die weißen Mädchen-Schwäne sind in dieser Choreographie Bordsteinschwalben – und Rotbart ist ihr Dealer und Zuhälter.

Euphorischer Applaus für Rydmans exzellente Truppe bei der Premiere im Münchner Prinzregententheater. Beeindruckend der Beginn mit Rotbarts Auftritt. Ein düsterer Vogel: glänzig schwarz und designer-eng sein Outfit, die Arme wie bedrohliche Flügel ausgebreitet, der langgliedrige Körper in scharfkantig ruckenden Bewegungen. Im Orginal herrscht Rotbart mit Zauberkraft über die weißen (Mädchen-)Schwäne und ihre Köngin Odette – hier, als Zuhälter und Drogendealer, über vier sich bedröhnt in laszivem Modern Dance räkelnde Bordsteinschwalben. Ihre Namen ruft er, ganz Generation Digital, auf Touchscreens ab und entlässt (virtuellen) Magier-Nebel aus seinen tanzenden Händen. Toll, was die Projektions-Technik hier leistet. Perfekt auch der Szenenwechsel, mit geradezu choreographisch und mitten durch die Tänzer sich verschiebenden Kulissen. Schon ist man – nicht bei Hofe, sondern im Neureichen-Domizil von „Prinz“ Siegfried, wo sein Geburtstag von Familie und Freunden gefeiert wird, ausgeflippt und freizügig schnupfend. Eine Parodie auf die heutige Spaßgesellschaft? Statt aristokratischer Polonaise zucken nun hier alle in zackigem Breakdance: Siegfrieds überkandidelte grün-perückte Mama, der (Hof-)Narr, sogar mit Salti und schwindelerregender Kopfpirouette; besonders gummigelenkig das Geburtstagskind und seine beiden Kumpels. Da gleitet Tschaikowsky, (gewollt) schmerzhaft verjaunert, über in blechern ploppende Elektro-Musik.

Oft legen sich Beats und Gesampeltes auch über die originale oder verfremdend bearbeitete Tschaikowsky-Partitur. Hier liegt Rydman ganz im aktuellen Trend des „Alles geht“. Und der auch noch durch Rap- und Popsongs ergänzte Sound-Mix ist ja auf jeden Fall sinnvoll in dieser gewendeten Geschichte – ist aber nach einer gewissen Zeit, leider, auch ungut ermüdend.

Was Rydmans Handschrift betrifft: Er ist wahrscheinlich der erste Choreograph, der Streetdance und Modern Dance bewegungsorganisch miteinander verwoben in den Rahmen eines Handlungsballetts zwang. Das hat, zugegeben, etwas Bahnbrechendes. Aber diesem hybriden Stil ist (noch) die Anstrengung anzumerken. Dass der Schwede die Geschichte schlüssig erzählt, daran ist kein Zweifel: die für Siegfried organisierte Brautauswahl auf dem Mode-Laufsteg, der Liebes-Pas-de-deux mit einer der Bordstein-Schwäne, das Nicht-Happy-End – alles paletti.

Rydman hatte ja auch ein exzellentes Vorbild: Während seines Tänzerengagements im schwedischen Cullberg Ballett tanzte er unter anderem die gewendete „Schwanensee“-Version von Birgit Cullbergs Sohn, dem berühmten Mats Ek. Dank dem Bayerischen Staatsballett kennt man hier Eks im Irrenhaus landende „Giselle“. Auch Eks skurrilen Humor aus seinem „Apartment“ und „A sort of...“. Von diesem typisch schwedischen, für uns oft etwas befremdlichen Humor hat auch dieser aufgemischte „Schwanensee“ eine gute Portion. Und da wurde des öfteren herzlich gelacht. Man wird sicher von Rydman demnächst mehr sehen.

Weitere Vorstellungen

heute sowie am 15., 16. und 17. März;

Telefon 089/ 93 60 93 (Es gibt nur noch Restkarten).

Von Malve Gradinger

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