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Der Schauspieler Pascal Fligg als Macheath und die Schauspielerin Xenia Tiling als Spelunkenjenny.

„Dreigroschenoper“: Die große Premierenkritik

München - Christian Stückl inszeniert am Münchner Volkstheater Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Obwohl das Stück bunt und brüllend, erotisch und verspielt daherkommt, fällt die Kritik eher durchwachsen aus. 

Eine Nacht mit der Spelunkenjenny oder einem ihrer Mädchen fühlt sich wohl ähnlich an wie dieser Theaterabend: Was aussieht wie der Himmel auf Erden, entpuppt sich manchmal als allzu banal. Das ist in diesem Fall besonders bedauerlich, denn Christian Stückls Inszenierung der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill hat durchaus das Zeug, bunt und brüllend, zynisch und entlarvend, erotisch und verspielt – schlicht: mitreißend lebensprall – zu sein. Ja, es gibt durchaus diese Augenblicke. Doch der Abend, der am Samstag im Münchner Volkstheater Premiere feierte, kommt zu selten richtig in Fahrt und schlingert manchmal gar bedrohlich. Denn das Ensemble spielt in diesen drei Stunden auf zu unterschiedlichen Niveaus: Neben Überraschendem und einigen sehenswerten Leistungen, gibt es leider viele Darsteller, die überfordert wirken und verhindern, dass die Inszenierung abheben kann.

So wird aus dem kreischenden Stück über den Verbrecher als Bürgersmann, über korrupte Polizisten und Nutten mit Herz oft eine kreuzbrave Veranstaltung, bei der einigen Akteuren die Erleichterung darüber anzumerken ist, sich einigermaßen sicher durch ihre Texte navigiert zu haben. Das gilt verschärft für die Interpretation der Weill-Songs – einige singen diese besser, die meisten schlechter. Dabei ist alles wunderbar angerichtet: Stefan Hageneier hat auf die Bühne eine herrliche Schau- und Schießbude gebaut, deren bessere Tage längst vergangen sind. „Honey Island“ steht in verwitterten Buchstaben darüber und erinnert nicht zufällig an „Coney Island“, jenen vergnügungssüchtigen Zipfel von Brooklyn.

Die besten Fotos der umjubelten Premiere

Dreigroschenoper: So lustvoll gehts im Volkstheater zu

In diesem Halbrund betreibt Bettlerkönig Peachum, eine Mischung aus Zirkusdirektor und Dirigent, seine Geschäfte, während vorne im Graben das zehnköpfige Jazz-Orchester um Micha Acher wunderbar aufspielt. Christian Stückl lässt die Musiker immer wieder Teil der Inszenierung werden, unaufdringlich, elegant. Ebenso spielt der Regisseur und Volkstheater-Intendant charmant mit den Möglichkeiten, die ihm Hageneiers Bühne bietet: Da knipst Macheath erst einmal eine kitschig-rote Lichterkette an, bevor er den Mond über Soho besingt. Es sind Regie-Einfälle wie dieser, Kniffe aus der Theater-Trickkiste, die Freude an der Inszenierung machen. Den ganz großen Wirbel und Bühnen-Zauber, bei dem Stückl zudem einmal mehr beweist, wie geschickt er Massen-Szenen inszenieren kann, hebt er sich für das Finale auf, als Macheath gehängt – und doch nicht gehängt – wird.

Pascal Fligg nutzt die Rolle des Straßenräubers und Weiberhelden, um – im Unterschied zu vielen seiner bisherigen Arbeiten am Volkstheater – zu zeigen: Ich kann auch böse! Die halblangen Haare nach hinten geschleckt, mit Schnauzer und Dreitage-Bart im metallblauen Anzug und offenem Hemd spielt Fligg den Macheath als Dandy und als großes Kind, für das Verführung und Verbrechen zum selben Spiel gehören. Fligg wuchtet viel an diesem Abend – wird jedoch von seinen Mitspielern oft alleingelassen. Von seiner Bande bleibt nur Justin Mühlenhardt in Erinnerung, der als abgerissener Alleinunterhalter seinem Chef mit der „Moritat von Mackie Messer“ ein beinahe show-taugliches Entrée bereitet. Das spinnt Fligg fort, indem er im Stil des großkotzigen Boxkampf-Ansagers Michael Buffer seine Verlobte Polly auf die Bühne bittet.

Lucy verwendet ihren Körper als Waffe

Auch diese Szene ist wunderbar dynamisch. Regisseur Stückl hat Peachums Tochter mit Sybille Lambrich besetzt, die momentan im zweiten Jahr an der Bayerischen Theaterakademie Musical studiert. Sie ist zwar die beste Sängerin auf der Bühne, kann jedoch nicht ihre schauspielerischen Defizite ausgleichen. Lambrich ist bar jeder Ausstrahlung, und daher geschieht zwischen Polly und Macheath den Abend über – nichts. Das wird umso deutlicher, als im zweiten Teil Spelunkenjenny die Bühne entert. Xenia Tilings erstes Wort lautet „So!“ – und das allein reicht ihr, um die Aufmerksamkeit zu fesseln. Stückl schenkt dieser Hure mit Herz und Geschäftssinn einen Auftritt wie beim Letzten Abendmahl: Jenny sitzt in der Mitte einer langen Tafel, elf Jünger und Ex-Jungfern zu ihrer Rechten und Linken. Bühnenpräsenz und Leidenschaft gibt es bei Tiling reichlich. Die übergroßen, blanken Plastik-Brüste, die Hageneier allen Huren umgeschnallt hat, hätte es nicht gebraucht. In Xenia Tiling findet Pascal Fligg endlich eine ebenbürtige Partnerin: Die Szenen zwischen Jenny und Mackie zählen zu den stärksten.

Auch Kristina Pauls, die als Lucy zwar im hochgeschlossenen Kostüm steckt, ihren Körper dennoch als Waffe zu verwenden versteht, und Tobias van Dieken, der als Polizeichef Brown einmal mehr seine Paraderolle eines Mannes spielt, durch dessen Adern reines Koffein zu rauschen scheint, bringen Pfeffer auf die Bühne. Und obwohl Stefan Ruppe bei der Premiere nicht ganz bei Stimme war, gelingt ihm sein Bettlerkönig Peachum als gute Mischung aus abgerissenem Geldsack, hinterfotzigem Strippenzieher und hellsichtigem Regisseur dieses Spektakels. Kompliment. Ursula Burkhart kommt dagegen als Frau Peachum nicht über hilfloses Chargieren hinaus. Es bleibt Christian Stückls Inszenierung zu wünschen, dass die Darsteller sich einspielen. Denn dann kann diese Nacht länger nachbeben. Am Ende: Jubel für Schauspieler und Regisseur.

Die Handlung

Wie in ihrem Vorbild, der britischen „Beggar’s Opera“ von John Gay (1728), werden in der „Dreigroschenoper“ Verbrecher gezeigt, die sich wie Bürger verhalten. Bettlerkönig Peachum macht Geschäfte mit dem Mitleid der Menschen. Peachums Tochter Polly heiratet gegen den Willen ihres Vaters dessen Gegenspieler, den Straßenräuber Mackie Messer. Polizei-Chef Brown ist korrupt und sorgt dafür, dass Mackie Messer ungeschoren bleibt. Als Peachum ihm droht, den Krönungszug mit einer Demonstration seiner Bettler zu stören, lässt er Mackie verhaften. Als dieser gehängt werden soll, erscheint ein Bote der Königin, die dem Verbrecher Amnestie gewährt.

Von Michael Schleicher

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