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Die chinesische Mauer im Bodensee: Marco Arturo Marelli hat "Turandot" nicht nur inszeniert, sondern auch die Bühne entworfen.

Die Merkur-Kritik

Bregenzer Festspiele: So war die Premiere von "Turandot" am Bodensee

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Bregenz - Mit der Premiere von "Turandot" sind die Bregenzer Festspiele in die erste Spielzeit unter neuer Intendanz gestartet. Die Kritik:

Die Opfer sind nicht vergessen. All die Männer, die es gewagt haben, aus Liebe zu einer schwer traumatisierten Prinzessin sich ihrem tödlichen Quiz auszusetzen. In Formaldehyd eingelegt, korrekt verbucht und archiviert stehen die abgeschlagenen Köpfe der Freier im Regal, aufgereiht von drei Buchhaltern des Todes. Sehr aufgekratzt sind die Minister Turandots, die sich für den frischen, mutmaßlich noch warmen Kopf des nächsten Opfers Metzgerschürze und rote Handschuhe anziehen, doch die Munterkeit tarnt nur Zynismus und Verzweiflung. Momente sind das, böse und vielsagend, die ja sehr viele Aufführungen von „Turandot“ schuldig bleiben, weil sie das Trio Ping, Pang und Pong missverstehen als hopsende Pausenclowns.

Ausgerechnet bei den Bregenzer Festspielen passiert nun solche Doppelbödigkeit, im weltgrößten Opernformat. Spektakel: ja, und was für eines. Aber diese neue „Turandot“, mit der die Festspiele am Bodensee unter Elisabeth Sobotka in eine neue Intendantenära starteten, ist vieles. Sogar der Meister selbst ist dabei. Anfangs dreht Giacomo Puccini auf einer kleinen Plattform versonnen an einer Spieluhr, die chinesische Kaiserhymne ist zu hören, bevor die Fortissimo-Akkorde der Oper alles hinwegfegen. Sein Schmerzenskind war dieses Stück. Nicht nur, dass der Krebskranke darüber gestorben ist, er fahndete ergebnislos nach einem Finale. Dem Meister, der sich hier als Calaf denkt, erscheinen in Bregenz also seine Figuren – in eine verliebt er sich. Unglücklich, wie Puccinis Ende zeigt.

Turandot bei den Bregenzer Festspielen: Marco Arturo Marellis Inszenierung ist ein Spagat

Nur für Fortgeschrittene mag dieser Regiekonzeptstrang etwas taugen, der am Ende etwas lose aus der Aufführung von "Turandot" hängt. Aber das macht nichts, weil Marco Arturo Marellis Inszenierung eben alle auf ihrem Wissensstand abholt, auch die Neulinge. Ein Spagat ist das, dem man dem Mann, der an Häusern wie Wien leicht angestaubte Konvention liefert, kaum zugetraut hätte. Auch nicht die von ihm selbst entworfene Bühne, die chinesische Mauer ist, zugleich, in ihrem kühnen Schwung, an einen Drachen erinnert – und in der man so wunderbar all die Lautsprecher für das besondere Bregenzer Akustiksystem verstecken kann.

Marelli schneidet mehrere Zeit- und Gesellschaftsebenen in "Turandot" hart aneinander. Die Puccinis, wenn maskierte Untote eine Zwanzigerjahre-Party feiern. Die eines gepanzerten Systems, das sich mit Fahnenschwenken und Bändertänzen feiern lässt. Und eine ganz alte, symbolisiert durch die Terrakotta-Armee, deren Soldaten nicht nur stumm auf einer Tribüne stehen, die sich von weit hinten bis unter die Wasseroberfläche zieht, sondern die auch, von Statisten gespielt, in bizarren Bewegungen lebendig wird. Nicht alles wird ausgeführt, zu Ende gebracht, wieder aufgenommen, logisch verschränkt. Marelli erzählt glasklar die Geschichte, arbeitet ansonsten assoziativ, deutet an, was im Übrigen nett von ihm ist: schön, wenn man so freundlich zum Denken eingeladen wird.

Serviert wird bei "Turandot" das alles, ein Bregenzer Muss, mit erheblichen Schauwerten. Vom Mauerbersten über Feuertänzer und Lampionträger, die geisterhaft auf den Zinnen wandeln, bis zu faszinierenden Videospielereien: Auf einer Kreisscheibe, die zur Rätselszene nach oben klappt, zeigt sich eine mal lächelnde, mal eingefrorene, mal in Einzelteile zerfallende Frauenmaske, später auch ein Drache. Das Lichtkonzept von Davy Cunningham ist das Beste seit langem. Und zum Finale, für das man auf die vielerorts überwundene Version Franco Alfanos zurückgreift, die unmotiviert ein zweites Mal das „Nessun dorma“ feiert, kehren die Feuertänzer zurück, während plötzlich Fontänen aufschießen. Ein wenig übers Ziel hinausgeschossen ist da der Regisseur, zumal die nassen Effekte 7000 Gäste zum Grinsen bringen: Drei Schauer stören bei schwülen Temperaturen die Premiere, als besonders dicke Tropfen fallen, fürchtet man den Abbruch.

Turandot bei den Bregenzer Festspielen: Guanqun Yu ist der Publikumsliebling

Teilweise dreifach besetzt sind die Partien, eine Bregenzer Tradition. Dass schwere Stimmen über Mikros nur bedingt abzubilden sind, ist beim Premierenpersonal ein kleines Problem. Mlada Khudoley singt die Titelpartie teilweise mit Handbremse, Riccardo Massi als Calaf/Puccini wird mit zunehmender Aufführungsdauer immer freier, legt dann ein „Nessun dorma“ hin, bei dem die Gänsehaut über verschwitzte Besucherrücken kriecht, Guanqun Yu ist mit ihrer dunkel erblühenden Liù-Lyrik der Publikumsliebling – ein Phänomen an den meisten „Turandot“-Abenden. Dirigent Paolo Carignani ist viel über die Monitore zu sehen. Seine Gesten, deren Aufwand oft größer ist als der Ertrag, kennt man. Eine straffe, schlackenfreie, zielgerichtete „Turandot“ gelingt mit den Wiener Symphonikern, dem Philharmonischen Chor aus Prag und dem Bregenzer Festspielchor. Die aufregende Modernität, die ungebremste Härte dieser Musik, das Kantige, Schrundige hört man weniger heraus – auch das womöglich ein Problem der Open-Air-Akustik.

Manch Verwöhnter, der jener so perfekt arrangierten, balancierten „Zauberflöte“ aus dem vergangenen Jahr nachtrauert, mag die Stirn in Falten legen. David Pountney, der Bregenzer Ex-Intendant, hat als Regisseur für so etwas allerdings viele See-Produktionen lang geübt. Umso beeindruckender also das, was nun Marco Arturo Marelli beim Debüt abliefert: eine gut geölte, hintergründige Puccini-Revue, die auch im Intimen funktioniert. Mit der Marke „Oper für alle“ schmücken sich ja viele, Bregenz hat die Kriterien wieder einmal erfüllt.

Markus Thiel berichtet für den Münchner Merkur vom Bodensee. Ihm hat die Inszenierung von "Turandot" bei den Bregenzer Festspielen sehr gut gefallen - sehen Sie Markus Thiels Kritik im dritten Video des ORF.

Weitere Aufführungen von Turandot bei den Bregenzer Festspielen

Bis zum 23. August (in wechselnden Besetzungen); Telefon 0043/ 5574/ 4076.

Turandot bei den Bregenzer Festspielen: Die Besetzung

  • Dirigent: Paolo Carignani.
  • Regie und Bühne: Marco Arturo Marelli.
  • Kostüme: Constance Hoffman.
  • Video: Aron Kitzig.
  • Chor: Lukás Vasilek und Benjamin Lack.
  • Darsteller: Mlada Khudoley (Turandot) Manuel von Senden (Altoum), Michael Ruyssov (Timur), Riccardo Massi (Calaf), Guanqun Yu (Liù), André Schuen (Ping), Taylan Reinhard (Pang), Cosmin Ilfrim (Pong), Yasushi Hirano (Mandarin).

Turandot bei den Bregenzer Festspielen: Die Handlung

Die chinesische Prinzessin Turandot heiratet nur den Mann, der ihre drei Rätsel lösen kann. Wer es nicht schafft, wird umgebracht. Calaf nimmt die Herausforderung an, achtet dabei nicht auf die ihn begehrende Liù – und meistert die Aufgabe. Turandot ist entsetzt, doch Calaf schlägt ihr vor: Wenn sie bis zum Morgen seinen Namen herausfinde, wolle er sterben. Schließlich kann er doch den Stolz der Prinzessin brechen – und nennt ihr selbst seinen Namen.

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