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Betont nüchtern und mit größtmöglicher Distanz trägt die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Ö. Soydan „Breiviks Erklärung“ vor.

Umstrittener Abend in München

"Breiviks Erklärung": Wichtig und ekelhaft

München - Der Dokumentartheater-Regisseur Milo Raus hat mit dem umstrittenen Abend „Breiviks Erklärung“ im Münchner Stadtmuseum gastiert.

Im Juli 2011 hat der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordet. Als im April vergangenen Jahres Breivik in Oslo der Prozess gemacht wurde, erklärte der Angeklagte am zweiten Verhandlungstag sich und seine Taten in einer 70-minütigen Rede. Diese war für die Öffentlichkeit gesperrt: Zu groß war die Angst, der Text könnte eine Eigendynamik entwickeln und Breivik zum Märtyrer (nicht nur) der rechten Szene machen. Der Schweizer Dokumentartheater-Regisseur Milo Rau, Gründer und Leiter des International Institute of Political Murder, hat diese Rede als Lesung auf die Bühne gebracht. Nun war er mit seinem Abend zum Festival „Radikal jung“ eingeladen.

Wie bereits vor der Erstaufführung vergangenen Oktober in Weimar, gab es auch in München zunächst eine Ausladung: Eigentlich hätte „Breiviks Erklärung“ im Haus der Kunst gezeigt werden sollen. Doch das Museum zog die Reißleine. „Wir haben eine Klausel im Mietvertrag, die rechtsradikale und antisemitische Inhalte ausschließt. Das umfasst auch Verharmlosung und Satire“, begründete Sprecherin Elena Heitsch (wir berichteten). Ausweichquartier für die Vorstellung war der Saal des Münchner Stadtmuseums am St.-Jakobs-Platz – und wer „Breiviks Erklärung“ dort am Montag gesehen hat, weiß nun, wie uninformiert, kopflos und blamabel das Haus der Kunst reagiert hat.

Denn das Theater bietet einen geschützten Rahmen für die intellektuelle Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Pamphlet des Massenmörders. Wie erhellend das sein kann, hat Helmut Qualtinger bereits 1973 mit seiner Lesung aus „Mein Kampf“ gezeigt. Auch Milo Rau geht es in „Breiviks Erklärung“ nicht um Inszenierung, sondern um die Beschäftigung der Zuschauer mit diesem schwer erträglichen Text. Folgerichtig lässt er ihn von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan lesen, die vor einigen Holzlamellen an einem Rednerpult steht, während ihr Gesicht auf eine Leinwand übertragen wird. Soydan setzt bei ihrem Vortrag auf größtmögliche Nüchternheit und Distanz: Sie trägt eine rote Trainingsjacke, kaut Kaugummi, trinkt immer wieder aus einer Wasserflasche.

Breivik hetzt in seiner Rede gegen „Kulturmarxismus“, „Multikulturalismus“, „Balkanisierung“ und „grassierende Islamisierung“ Europas. Seine Morde („Brutalität ist nicht notwendigerweise bösartig.“) begründet er mit dem Selbstverteidigungsrecht. Menschen wie sich selbst oder auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe von der deutschen rechtsextremen Terrorgruppe NSU nennt er „europäische Nationalhelden“ und „Fußsoldaten der konservativen Revolution“. Seine und ihre Taten seien „erste Wassertropfen, die das reinigende Gewitter ankündigen“.

Es ist die Begegnung mit einem ekelhaften Text, die Rau und Soydan ermöglichen. Einem Text, der krude ist, dabei aber Wissenschaftlichkeit und philosophischen Überbau vorgaukelt. „Breiviks Erklärung“ zeigt allerdings auch, wie konsequent, intelligent, bestechend und schlüssig das ideologische Konstrukt gebaut ist und funktioniert, in dem der Täter denkt, lebt, handelt. Hier erscheint es völlig richtig, wenn Breivik seine Taten in einem Atemzug mit dem indianischen Widerstand unter Sitting Bull nennt. Zudem spricht Breivik Topoi an und spielt mit Ängsten, wie wir das etwa von populistischen Bierzelt-Reden kennen.

Wer aber den Attentäter dämonisiert, isoliert ihn zugleich von der Gesellschaft, schiebt ihn weg aus deren Mitte. Dagegen zeigt der Abend von Milo Rau und Sascha Ö. Soydan, wie verbreitet einige Denkmuster, die zu den Morden in Oslo und auf Utøya führten, in unserer Gesellschaft sind.

Und das ist eine so wichtige wie schmerzhafte Erkenntnis.

Von Michael Schleicher

Weitere Informationen

„Radikal jung“ läuft noch bis 26. April, die einzelnen Termine   gibt   es   unter  www. muenchner-volkstheater.de; Karten unter der Telefonnummer 089 / 523 46 55.

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