Bremsmanöver auf der Zielgeraden

- Eine Hängepartie. Vor genau einem Jahr schlugen die Münchner Philharmoniker ihn als künftigen Chefdirigenten vor, doch unterschriftsreif ist der Vertrag mit Christian Thielemann immer noch nicht. Er will, das Orchester ohnehin, die Stadt wohl auch - inklusive der anfangs reservierten, nun von Thielemanns Charme und Taktstock-Künsten offenbar hingerissenen Kulturreferentin. Doch auf der Zielgeraden scheinen die Verhandlungen ins Stocken geraten.

<P>Die Gage, so wird Thielemann zitiert, sei ihm weniger wichtig, Hauptsache, das Orchester sei genügend ausgestattet - notfalls könne ja an der Verwaltung gespart werden.<BR><BR>Letzteres hat nun für Aufregung bei den Philharmonikern gesorgt, einige sahen gar den Thron des Intendanten Bernd Gellermann wackeln, dessen Macht- und Kompetenzfülle manchem Kulturpolitiker ein Dorn im Auge ist. Das Orchester hat sich hinter den Intendanten geschart: Die Doppelspitze Chefdirigent/Intendant, so der Philharmoniker-Vorstand, sei unabdingbar für die Orchesterarbeit - auch unter einem künftigen musikalischen Leiter Christian Thielemann.<BR><BR>Womit die Musiker eigentlich richtig liegen: Thielemann gilt nicht gerade als Dirigent, der sich in Dramaturgischem vergräbt oder weit reichende Konzeptionen entwickelt. Ein Intendant kann ihm also diese Arbeit abnehmen und dabei den Rücken freihalten für seine (wie kürzlich wieder in München zu hören) beeindruckenden Pult-Aktivitäten. Ohnehin wirkt dies alles wie eine Geister-Debatte: Gellermanns Vertrag läuft bis 2007, eine Abfindung könnte sich die Stadt kaum leisten, wäre auch angesichts der Haushaltssituation nicht vertretbar.<BR><BR>Worauf aber Thielemann zusteuert: Er will, wie seinerzeit Celibidache, Generalmusikdirektor der Stadt München werden - James Levine ist "nur" Chefdirigent. Dieser verständliche Wunsch bei einem Künstler vom Range Thielemanns mag einerseits persönlicher Eitelkeit entspringen, andererseits auch mit größeren Befugnissen als bei Levine verbunden sein. Ein Punkt, der in den Verhandlungen noch geklärt werden muss, da ein Kompetenzgerangel mit dem Intendanten drohen könnte. Doch daran, so ist zu hören, wollen weder Dirigent noch Orchester die Verhandlungen scheitern lassen. Thielemann, GMD der Deutschen Oper Berlin, ist dort zwar Intendanten-geschädigt (zu Udo Zimmermann pflegt er ein intensives Nicht-Verhältnis). Aber gegen das Intendanten-System der Philharmoniker hat er offenbar nichts einzuwenden.<BR><BR>Der Zeitplan für die Verhandlungen sieht folgendermaßen aus: Kulturausschuss und Stadtrat sollen sich in den nächsten Wochen mit Thielemanns Vertrag befassen, ein endgültiger Beschluss könnte spätestens März fallen. Anders als bei den BR-Symphonikern, die Mariss Jansons vorerst nur für drei Jahre binden konnten, streben Philharmoniker und Thielemann eine längerfristige Zusammenarbeit an. Gedacht wird an einen Vertrag mit sechs- bis siebenjähriger Laufzeit.<BR><BR>Der Grund: In seiner Münchner Anfangszeit, also in den Spielzeiten 2004/ 05 und 05/ 06, hätte Thielemann verstärkt in Bayreuth zu tun, wo er den neuen "Ring" dirigiert, stünde demnach für München nur eingeschränkt zur Verfügung. Voll verfügbar wäre er also erst nach zwei Vertragsjahren. </P><P>Und hierfür hat das Orchester seine festen Vorstellungen: Auf jeden Fall soll Thielemann mehr als die 24 Saison-Abende dirigieren, die derzeit Levine absolviert, dazu kämen noch ein bis zwei Tourneen pro Jahr. Und von den 130 Planstellen zu Celibidaches Zeiten haben sich die Philharmoniker längst verabschiedet, eine Sollstärke von 120 ist derzeit im Gespräch.<BR><BR>Mögen auch alle diese Dinge noch zu verhandeln sein: Thielemann will zu den Münchner Philharmonikern, da er - anders als Workoholics à` la Zubin Mehta - das Herumjetten bis nach Übersee leid ist. Er und das Orchester passen zweifellos zusammen. <BR><BR>Die Münchner sind ein Orchester deutscher Tradition. In ihrem Kern-Repertoire, der deutschen Romantik, spielen sie, wenn ein Wesensverwandter wie Thielemann dirigiert, fast konkurrenzlos. Ein Scheitern der Verhandlungen wäre daher eine Katastrophe für die Philharmoniker. Und misslich auch für Thielemann - derzeit sind alle Chefposten vergleichbarer Klangkörper besetzt.</P>

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