Tod vor dem Brennofen

Neuer Donna-Leon-Roman: - Es gibt gar keinen Fall, aber Commissario Brunetti wirft sich dennoch so zäh wie engagiert auf seinen "fünfzehnten Fall". Donna Leon hat ihm den Titel "Wie durch ein dunkles Glas" gegeben. Wer immer wieder über die Serenissima schreibt, kommt um das berühmte venezianische Glas nicht herum.

Deswegen war es klar, dass die Amerikanerin in Venedig irgendwann in den "fornace" auf Murano, der Glas-Insel, landen würde. Auch wenn Otto-Normal-Tourist vor allem die schrillen bis schrecklichen Glas-Entgleisungen der Andenkenläden kennt, vermag die Autorin doch die alchimistische Magie der traditionellen Glasherstellung hervorzuzaubern. Zusammen mit Brunetti nähert sie sich der zarten und doch nicht ungefährlichen Materie.

Zunächst jedoch wird der Kriminaler von seinem sympathischen Untergebenen Vianello um einen Freundschaftsdienst gebeten. Dessen Spezi Marco, ein Umwelt-Aktivist, ist bei einer Demonstration im Industriegebiet von Mestre verhaftet worden.

Der Commissario eist den Mann schnell los, dessen Frau - neben und unter ihrem Vater De Cal - eine Glasbläserei leitet. Der hat vor der Polizeistation einen fulminanten Choleriker-Auftritt. Und damit ist Leon beim Fast-Fall, denn der Schwiegerpapa bedroht das Leben von Marco Ribetti: Die nette Ehefrau wendet sich besorgt an Brunetti.

Wenn das Stichwort Umweltverschmutzung fällt, weiß der treue Donna-Leon-Leser, dass dieses Thema der Schriftstellerin sehr am Herzen liegt. In vielen ihrer Krimis geht es um die Verseuchung unserer Lebensgrundlage; und allerhand Menschen hat sie diesem Motiv "geopfert". Eine Leiche kann also nicht mehr weit sein, nachdem ein schwerbehindertes Zwillings-Mädchen und sein Vater auftauchen, der verbissen Umweltverbrecher ausforscht.

Berührend und beklemmend schildert die Autorin diese arme Familie; die herbe, pragmatische Großmutter, die stumpfe Qual des Babys, die fast paranoide Suche des Vaters nach Schuldigen. Alle bedauern ihn, allen ist er mit seinen Anklagen lästig. Bis man ihn, den Nachtwächter Tassini in der "fornace", tot vor einem der Brennöfen De Cals findet. Sogar die Polizisten, die einiges gewöhnt sind, müssen sich bei Anblick und Geruch des Leichnams übergeben. Der Mann lag vor der offenen Tür des 1400 Grad Celsius heißen Ofens. Selbst dort vorne herrschten noch 150 Grad. In dem völlig dehydrierten Körper versagte das Herz. Allerdings ist unklar, ob es einen Unfall oder einen Mord gab.

Brunetti bearbeitet folglich immer noch einen Fast-Fall, verdächtig hilfreich unterstützt von den politischen Intrigen seines aufgeblasenen Chefs Patta. Mit mühsamer Polizei-Arbeit - bisweilen auch für den Leser - und gewitzter Rätsel-Rat-Strategie dechiffriert der Commissario, welchen Umweltskandal Tassini aufgedeckt hat. Kein Wunder, dass dessen Verschlüsselungssystem unter anderem auf Dantes Inferno aus der "Göttlichen Komödie" beruht.

Es sind nicht nur die Höllenschlünde der Glasöfen, die dazu passen, es sind auch die Höllenschlünde der menschlichen Herzen. Donna Leon betrachtet - wie in ihren letzten Romanen auch - die italienischen Macht-Netzwerke düster "wie durch ein dunkles Glas".

Die Leser tröstet sie mit dem venezianischen Frühling, der netten Familie Brunetti und gutem Essen. Gefüllte Artischockenböden, Schweinerippchen mit Polenta und gebratene Birne hellen so manches Inferno auf.

Donna Leon: "Wie durch ein dunkles Glas". Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. Diogenes Verlag, Zürich, 344 Seiten; 21,90 Euro. Der Roman erscheint am kommenden Freitag.

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