Mit Briefen brillieren

Zimmermann bei Philharmonikern: - Nein, diesmal war die Moderne nicht zwischen Haydn und Brahms gepackt, sondern wurde ganz ungeschützt ins Feld geführt: Ligeti, Dean, Strawinsky waren die drei Komponisten, mit denen sich die Münchner Philharmoniker im Gasteig vom 20. ins 21. Jahrhundert vorwagten. Brett Deans Violinkonzert "The Lost Art of Letter Writing" (Die vergessene Kunst des Briefeschreibens) stammt aus dem vorigen Jahr und wurde vor wenigen Tagen in Köln uraufgeführt.

Von Frank-Peter Zimmermann, für den es geschrieben wurde und der nun auch in München, begleitet von den Philharmonikern unter Jonathan Nott, ein adäquater Interpret war.

Vier Briefe (von Brahms, van Gogh, Hugo Wolf und vom australischen Busch-Ranger Ned Kelly) stellt der Komponist den vier Sätzen voran, in denen der Solist geradezu konventionell brillieren kann: in extrem hoher Lage, in wilden Sprüngen und Läufen, auch im lyrischen Gesang des ersten, Brahms-durchwirkten Satzes und in der zarten Introvertiertheit des einsamen van Gogh. Dem (zu) kurzen, aparten dritten Satz folgte ein unruhiges Finale, in dem Zimmermann virtuos "verzweifelt" gegen die kurzen orchestralen Macht-Demos ankämpfte.

Moderner, kühner als die Fast-Uraufführung klang György Ligetis "San Francisco Polyphony", ein sich quasi aus dem "Schöpfungs"-Chaos lichtendes, hochkomplexes Werk. Nott agierte angenehm entspannt und souverän. Er schälte die Einzelstimmen heraus, offerierte mit den vorzüglich reagierenden Philharmonikern die ganze Farbpalette der sich überlagernden Klänge, ihrer untergründigen zuweilen minimalistischen Bewegungen.

Zu diesen "Vorgängern" passte Strawinskys "Sacre du printemps" bestens: mit dem breiten Spektrum der Holzbläser, den temperamentvoll ihre Schlagzeug-Funktion wahrnehmenden Streichern. Obwohl Nott dieAusbrüche und das greller Werden geschickt inszenierte, wartete mancher vergebens auf die wilde, rhythmische Archaik eines ungezähmten "Sacre".

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