Briefträger des Meisters

- Die Bezeichnung "Legende" trifft hier zwar zu, klingt indes nach Abgesang. Dabei ist Mstislav Rostropowitsch noch höchst aktiv, jetzt wieder als Dirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Wer "Cello" sagt, denkt meist sofort an diesen großen, warmherzigen und gewinnenden Künstler, der parallel immer wieder am Pult renommierter Orchester stand. Der 78-Jährige hat sich stets als politischer Mensch begriffen. Der gebürtige Aserbaidschaner kämpfte für den Dichter Solschenizyn und für den Bürgerrechtler Sacharow, spielte auch seinerzeit an der gerade geschleiften Berliner Mauer Bach-Suiten. Beim BR dirigiert er "Romeo und Julia"-Vertonungen von Tschaikowsky und Prokofjew, dazu das Violinkonzert von Brahms (morgen und Freitag, Herkulessaal).

Wie kommt man gerade auf dieses Programm?Rostropowitsch: Brahms war mein Wunsch. Ich kenne Mayu Kishima schon, wir haben das Paganini-Konzert in Washington aufgeführt. Eine phänomenale Solistin! Tschaikowsky und Prokofjew wollte der BR von mir. Mein nächstes Programm hier, also 2006, stelle ich mir dann wieder selbst zusammen.Können Tschaikowsky oder Prokofjew nur von einem Russen authentisch interpretiert werden?Rostropowitsch: Als Dirigent und als Cellist habe ich 223 Uraufführungen gespielt, meine Sekretärin hat das gezählt. Ich habe mir dabei immer die Partituren vorgenommen, die Noten gelesen und mir vorgestellt: Wie haben das die Komponisten gemeint? Und wenn ich Tschaikowsky oder Prokofjew spiele, verhalte ich mich wie bei einer Weltpremiere. Das Problem ist allerdings: Oft bilden sich Aufführungstraditionen heraus, die Interpreten dominieren. Bei Tschaikowsky ist das besonders schlimm.Als Sie vor vielen Jahren erstmals "Eugen Onegin" am Bolschoi-Theater gesehen haben, waren Sie enttäuscht: "Zu kitschig, zu sentimental gespielt", schimpften Sie damals.Rostropowitsch: Ganz genau. Und dem Publikum gefällt so etwas, dieses Sentimentale, total Emotionale. Dabei hat Tschaikowsky viel mehr Facetten, das ist ja das Geniale. Die Gefahr des schlechten Aufführungsgeschmacks ist noch nicht gebannt.Wie stark haben die Komponisten Sie bei einer Uraufführung beeinflusst?Rostropowitsch: Ich habe mit ihnen über die Werke gesprochen, sie haben mir auch am Klavier vieles verdeutlicht. Und manchmal habe ich sehr gelitten, weil ich nicht wusste, ob ich mich als Interpret richtig verhielt. Als Schostakowitsch mir sein erstes Cello-Konzert widmete, war das besonders schlimm. Doch dann spielte ich es, und Schostakowitsch sagte: "Slawa, genau die Tempi, die Du spielst, werde ich als Metronomangaben in die Partitur eintragen."Sie haben auch selbst komponiert. Hätten Sie das gern mehr ausgedehnt?Rostropowitsch: Wissen Sie, ich habe einmal Schostakowitschs achte Symphonie dirigiert. Dann schrieb ich selbst eine. Nach einem halben Jahr habe ich mir das Werk noch einmal angeschaut und endlich gemerkt: Der Einfluss von Schostakowitsch ist doch sonnenklar, aber so genial wie er war ich nie. Das war ein einschneidendes Erlebnis. Ich merkte: Ich bin und bleibe ein Interpret. Wenn ich die letzte Seite des Dvorák-Konzerts spiele, auch manche Schubert-Sonaten, dann habe ich Tränen in den Augen. Hindemith liebe ich genauso. Ich habe viele Affären mit verschiedenen Komponisten - warum sollte ich selbst etwas schreiben?Sprechen denn Komponisten zu uns in ihren Werken? Manche sagen ja, es gäbe keine Übereinstimmung von Leben und Kunstwerk.Rostropowitsch: Bei genialen Komponisten sind die Werke ihre besten Porträts. Tschaikowsky etwa zeigt in den Kompositionen viel mehr Emotion als im Leben. Ich spüre ein starkes, tiefes, russisches Gefühl. Dasselbe bei Schostakowitsch. In seiner Musik sagt er die Wahrheit, im Leben hat er das nur bei engen Freunden getan.Und ein Interpret? Lernen wir im Konzert auch mehr über Sie kennen als im richtigen Leben?Rostropowitsch: Die Emotion des Komponisten wird zwar durch meine Emotion mitgeteilt. Im Konzert sage ich die Wahrheit, aber nicht meine, sondern die des Meisters.Sie kannten Prokofjew. Was war er für ein Mensch?Rostropowitsch: Nach außen sehr hart, sehr streng, doch er hatte ein weiches Herz. Er verlangte immer äußerste Präzision - in jeder Hinsicht. Einmal war er mit einer Künstlerin verabredet. Sie kam zehn Minuten zu früh. Da öffnete sich die Tür, und durch den Spalt schob sich seine schlanke Hand mit einem Wecker. Dann schloss sich die Tür. Die Künstlerin wartete, läutete nach zehn Minuten noch einmal, Prokofjew stand in der Tür: "Ah, wie schön, dass sie da sind. Welche große Freude . . .!"Prokofjew ging, nachdem er lange Zeit im Westen gelebt hatte, zurück in seine Heimat. Können Sie ihn verstehen?Rostropowitsch: Oh ja! Ich habe ihm genau diese Frage gestellt: Warum nur? Wir machten gerade einen Spaziergang. Und er meinte: "Komponieren kann ich überall, aber am besten in meiner Heimat, in der Umgebung, zu der ich gehöre, mit der meine Kunst zu tun hat."Betrifft das auch einen Interpreten? Spielen Sie, der ebenfalls viele Jahre fern der Heimat gelebt habt, in Russland am besten?Rostropowitsch: Ich glaube, das ist etwas anderes. Ich überbringe nur die Briefe des Komponisten. Und das kann ich doch überall.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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