Schüsse in Kopenhagen gefallen - zwei Menschen tot

Schüsse in Kopenhagen gefallen - zwei Menschen tot
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Kleines Geschenk für die Angebetete gefällig? Lord Barrat (Maximilian Mayer) hat Luise (Mária Celeng) etwas aus seiner Sicht Artgerechtes mitgebracht.

PREMIERENKRITIK

Henzes „Der junge Lord“ am Gärtnerplatztheater: Der Bananenkavalier

Henzes „Jungen Lord“ könnte man provozierend aktualisieren - oder so auf die Bühne bringen wie  Brigitte Fassbaender am Gärtnerplatztheater. Letzteres reicht vollkommen aus.

München - Bei uns hat das einige Wochen gedauert. Da war die Plüschtier- samt Jubelphase für Immigranten vorbei, aus dem freundlichen Gesicht der Willkommenskultur wurde eine Fratze, die Worte wie „Asyltourismus“ erbrach. In Hülsdorf-Gotha geht das ganz schnell. Eigentlich dauert es nur ein paar Stunden, bis das Haus des fremden Briten mit dem Wort „Schande“ beschmiert wird. Mittlerweile eröffnen sich dafür ja andere Möglichkeiten, einfachere, primitivere – online und per Kommentarfunktion.

Viel kommt einem also hoch bei „Der junge Lord“ von Hans Werner Henze, der in den Sechzigerjahren die Wut auf die von ihm verlassene deutsche Heimat als Spießbürger-Satire tarnte. Dass diese verführbare Dorfgemeinschaft wenig später Extravaganzen eines verkleideten Affen preist, passt ins Bild, (nicht nur) Deutsche sind halt so. Eine Extra-Ladung Aktuelles springt einem folglich entgegen aus diesem Zweiakter. Umso schöner, richtiger, dass sich Regisseurin Brigitte Fassbaender mit ihrer Gärtnerplatz-Premiere nicht unter Modernisierungsdruck setzte.

Nur scheinbar ein Biedermeier-Schwank

Die Aufführung sieht ja nur scheinbar so aus, als werde da ein Biedermeier-Schwank abgespult. Die Versatzstück-Ästhetik von Henze, der sich aus Barockem, Spielopernhaftem, Strawinsky-Neoklassik und allerlei anderem bediente, nimmt Fassbaender mit ihrem Ausstatter Dietrich von Grebmer auf. Ein bisschen Puppenhaus ist das, ein bisschen Kulissen-Verschiebebahnhof mit stilisierter Riesenkaffeekanne bei Baronin Grünwiesel, dazu Dorfplatz-Gemütlichkeit und eine Farborgie nebst Tiermalereien im Haus von Sir Edgar. Zwischen den Bildern geistert man per Videokamerafahrt durchs nächtliche Dorfmodell, was merkwürdige Atmosphäre verbreitet: als ob hinter jeder Tür der nächste Biedermann die Brandstiftung plant.

Erstaunlich augenzwinkernd jongliert Brigitte Fassbaender mit Zutaten, die andere Regisseure scheuen. Selbstverständlich tritt bei ihr ein Dunkelhäutiger als Bediensteter auf (plus Bonita Hyman als herrliche Gospel-Mama). Einfach weil die Regisseurin so viel Geschmack und Bühneninstinkt hat, dass sie ihre Figuren nie an die reine Karikatur verrät. Die haben zwar alle eine Schraube locker, bleiben aber grundsympathisch – bis auf den Moment, wenn sie als Protestfront an die Rampe marschieren.

Andeutungen, Allusionen, all das macht diese Aufführung so gut, die ohne Zeigefinger auskommt. Wer will und kann, denkt sich schon genug. Die Schwelle zum Surrealen wird überschritten durch Sir Edgars Sekretär, Christoph Filler gibt ihn vokal und im Spiel als Bizarrerie aus dem Reich der Untoten. Und am schönsten ist ohnehin, wenn sich der tierische, in Liebe entflammte Lord Barrat seiner Luise nähert. Nicht mit der Banane wie zunächst, sondern gleichsam domestiziert, im glitzernden Rokoko-Gehrock und mit einer silbernen Rose. Ganz wunderzart hat sich Brigitte Fassbaender, auf immer und ewig der einzig wahre „Rosenkavalier“-Octavian, da selbst zitiert.

Alle Solisten sind Punktbesetzungen

Fürs Gärtnerplatztheater liegt das Stück nicht nur außerhalb des Stamm-Repertoires, es ist auch ein Kraftakt. Henzes Partitur ist wie ein offenes Buch, und Chefdirigent Anthony Bramall realisiert sie auch so mit dem Orchester. Alle Zutaten und Mixturen werden plausibel und nachvollziehbar gemacht. Es funkelt, blitzt, und manchmal erheben sich auch die Popanze germanischer Dramatik. Erwachsenen- und Kinderchor gehen präzise, wie selbstverständlich mit.

Sämtliche Solisten sind Punktbesetzungen. Maximilian Mayers hoher Tenor verleiht dem Lord eine ätherische Aura, vom Spiel her ist er nie zu übertrieben. Levente Páll ist als Bürgermeister mit muskulösem Bass eine seriöse, gockelnde Version von Rainer Werner Fassbinder. Mária Celeng setzt die Luise unter Drama-Dampf, was sie nicht unbedingt müsste. Ann-Katrin Naidu scheint als Baronin Grünwiesel einem Loriot-Film entsprungen, dabei jede Silbe Ingeborg Bachmanns und jede Note Hans Werner Henzes zu genießen. Lucian Krasznec (Wilhelm) ist in Stimme und Spiel der Sympathieträger des Abends.

Und wie sehr das Haus aus dem Vollen schöpfen kann, zeigt sich auch an mittleren und kleineren Partien, man höre und sehe Jennifer O’Loughlin (Hasentreffer), Ilia Staple (Ida), Juan Carlos Falcón (Professor von Mucker) oder Elaine Ortiz Arandes (Kammermädchen). Eine Aufführung, die liebevoll und hintergründig mit dem „Jungen Lord“ umgeht. An Lortzing denkt man viel, an die „Fledermaus“ – und manchmal auch daran, dass es krampfig werden kann, wenn deutsche Komponisten Humor riskieren.

Die Handlung
Sir Edgar zieht es aus London in die deutsche Provinz Hülsdorf-Gotha. Die Bürger dort sind skeptisch und beschmieren sein Haus mit fremdenfeindlichen Parolen. Beim Rendezvous erschrecken Student Wilhelm und Luise, Tochter der Baronin Grünwiesel, über Schreie, die aus Edgars Haus dringen. Dieser rechtfertigt das damit, dass er seinem Neffen Lord Barrat Deutsch beibringe und Fehler bestrafe. Auf einem Empfang stellt er den Lord vor. Die Gäste sind vom unkonventionellen Verhalten fasziniert. Als der Lord um Luise wirbt, plant deren Mutter die Verlobung. Plötzlich kommt heraus, dass der Lord ein verkleideter Zirkusaffe ist.

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