Brigitte Fassbaender
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Den „Ring“ empfindet Brigitte Fassbaender als Krönung ihres Regie-Lebens.

INTERVIEW ZU DEN TIROLER FESTSPIELEN

Brigitte Fassbaender über ihren „Ring“ in Erl: „Ein Traum geht in Erfüllung“

  • Markus Thiel
    VonMarkus Thiel
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Für Opernlegende Brigitte Fassbaender kommt es zum Äußersten. Bei den Tiroler Festspielen inszeniert die 82-Jährige Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Pro Sommer bringt sie dort eines der vier Stücke heraus, am 10. Juli hat „Das Rheingold“ im Passionsspielhaus Erl Premiere. Nach der Aufführung wird der Regisseurin noch eine besondere Ehrung zuteil: Für ihr Lebenswerk bekommt sie die „Nachtigall“, die Trophäe wird vom Preis der deutschen Schallplattenkritik verliehen.

„Für mich ist der ,Ring` ein Endzeitdrama. Alberich überlebt“: Szene mit Craig Colclough.

Wotan hat bei Ihnen nicht nur einen Speer, sondern mehrere. Das dürfte ein Novum in der „Ring“-Geschichte sein.

Bei uns hat er nicht nur seinen Runenspeer, sondern auch seinen Kampf- oder seinen Ausgehspeer. Für den Ausflug nach Nibelheim zu Alberich braucht er keinen, da lässt er alle Speere zu Hause. Ich wollte das Requisit ein bisschen ironisieren – es passt so gar nicht in unsere moderne Auffassung. Aber wenn schon, denn schon ...

Nach vier Jahren wird Ihr „Ring“ gerundet sein. Haben Sie schon jetzt das Schlussbild der „Götterdämmerung“ im Kopf?

Natürlich habe ich den großen Bogen vor Augen, schon weil das Bühnenbild für alle vier Teile steht. Aber ich wollte erst die Besetzung kennenlernen. Ich muss immer wissen, was da auf mich zukommt – an Spielfreude, an Einsatz, an Ausstrahlung, an Aura. Das inspiriert mich ungemein. Dann kann ich die Szenen quasi gezielt komponieren und auf eine Persönlichkeit zuarbeiten.

Das widerspricht eigentlich dem, was Ihre Kolleginnen und Kollegen mit dem „Ring“ anstellen. Da sind Konzeptpapiere alles.

Mag sein. Ich bemühe mich allerdings immer, meine ganz eigene Reise durch ein Stück anzutreten. Nicht, dass ich Konzepte ablehnen würde. Aber für den „Ring“ gibt es ja kaum Neues mehr, es wurde szenisch fast alles über ihn gesagt und fast alles ausgedeutet. Die Rezeptionsgeschichte ist unübersehbar, vielleicht gelingt es, hier und da noch eine Nuance zu erhellen oder einen ungewöhnlichen Schwerpunkt zu setzen. Mich interessiert vor allem immer wieder das Abenteuer „Mensch auf der Bühne“. Das nennt man wohl Personenregie ...

Ist das auch ein Problem, dass sich jeder Intendant den „Ring“ ans Revers heften möchte und eine Regie-Inflation entstand?

Das scheint so zu sein, aber darüber will ich gar nicht nachdenken. Ich finde, dass der „Ring“ eine große Verpflichtung für ein Haus ist, das den Anforderungen des Werks in jeder Beziehung gewachsen ist. In Erl ist er sogar eine Selbstverständlichkeit, weil der „Ring“ das Gründungsstück ist. Für mich ist er eine ungeheure Herausforderung. Ich war mal im Gespräch fürs Royal Opera House in London, und dann hat es unter anderem aus finanziellen Gründen nicht geklappt. Im Grunde war ich froh darüber, es wäre viel zu früh gewesen. Man braucht für die vier Opern unendlich viel Erfahrung und einen gewissen menschlichen Background. Das ist ein so komplexes Geschehen, jeder Satz ist auslegbar in verschiedene wichtige und unwichtige Richtungen ... Ausgeschöpft ist der „Ring“ also noch lange nicht, wohl aber ausgedeutet, was für mich ein Unterschied ist.

Auch deshalb gibt es Regie-Versuche, ihn wieder als Märchen zu erzählen.

Ich lasse ihn im Hier und Jetzt spielen, behalte aber märchenhafte Elemente. Unsere Zeitsprache kann die archetypischen und archaischen Dinge nicht ersetzen. Wotan braucht einen Speer, keine Pistole. Es gibt auch eine Schlange und eine Kröte im „Rheingold“. Alles wird von mir aber ein bisschen ironisiert und spielerisch behandelt. Ohnehin ist „Rheingold“ die Komödie unter den vier „Ring“-Stücken. Ich finde „Siegfried“ am schwersten zu inszenieren, musikalisch liebe ich ihn am meisten – und weiß gar nicht genau, warum.

Hilft es, dass es hier so viele Rollendebütanten gibt?

Natürlich! Debütanten sind offen und bringen keine festgefahrenen Ansichten und Klischees mit, die man mühsam abbauen muss.

Am Schluss der „Götterdämmerung“ und damit des „Rings“ hat die alte Welt ausgedient. Eine Art Happy End?

Nein, für mich ist er ein Endzeitdrama. Alberich überlebt. Diese geschundene Kreatur, der von Anfang an übel mitgespielt wird, nötigt Mitleid ab. Er ist pausenlosen Provokationen ausgesetzt. Sein Leben wird zum Rachefeldzug.

Aber es gibt doch musikalisch einen großen Hoffnungsmoment in den letzten Sekunden.

Ein kurzes Aufblühen. Außerdem muss man manchmal auch gegen die Musik denken. Wenn wir unseren Untergang weiter so perfektionieren, steuert die Welt auf ein Ende zu – das genau sagt der „Ring“. Wenn wir so sind wie Alberich, dann sehe ich Schwarz. Göttervater Wotan schafft sich selbst ab, ist seinen Ansprüchen nicht mehr gewachsen und resigniert. Im „Ring“ stirbt sogar die Hoffnung.

Sie selbst haben unter anderem die Fricka gesungen. Die wird gern als Beißzange inszeniert.

Es ist schwer, diesem Dauerkeifen zu entgehen. Zwischen Wotan und ihr gab es eine große Liebe. Man muss einfach verstehen, wie verletzt und frustriert sie wurde durch Wotans Seitensprünge. Er ist der Obergott und lebt seine Triebe rücksichtslos aus, brüstet sich sogar damit. Wer weiß, wie lange die schon zusammen sind – und das auch bleiben wollen. Sie wirbt ständig um ihn. Deshalb hofft sie auch, dass er das Rheingold raubt. Sie ist nicht goldgeil per se. Ich denke mir da immer eine Frau, die ihren Mann noch mal kirre machen will und sich verrückte Unterwäsche kauft. Gleichzeitig beschämt sie das auch. Sie ist eigentlich klug und souverän, ist ihm zur Kameradin geworden.

Die Festspiele entstanden während Ihrer Zeit als Intendantin in Innsbruck. Haben Sie das als lästige Konkurrenz empfunden?

Nein. Ich habe mich nur gewundert, wie viel Geld nach Erl gepumpt wurde, auch von privater Seite, während wir in Innsbruck finanziell immer kämpfen mussten. Ich wollte in Innsbruck nie den „Ring“ machen. Überhaupt finde ich, diesen Ehrgeiz sollten kleinere und mittlere Häuser nicht haben. Der „Ring“ funktioniert nur aus einer Großzügigkeit heraus. Er ist immer eine Kraftanstrengung und ein sehr teures Unternehmen.

Wie lange haben Sie gezögert, als das Angebot aus Erl kam?

Gar nicht. „Danke! Ein Traum geht in Erfüllung!“ Das war meine Reaktion. Ich war dann nur überrascht, dass ich mir das zugetraut habe. Den „Ring“ empfinde ich als Krönung und Abrundung meines Regie-Lebens – auch wenn es noch viele andere Projekte in den kommenden Jahren für mich zu tun gibt. Aber wenn ich den hinter mir habe, dann kann ich langsam zur Ruhe kommen.

Das glaubt Ihnen keiner.

Warten Sie’s ab.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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