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Abgerissene Handwerksburschen (v. li.): Knieriem (Nicholas Ofczarek), Leim (Florian Teichtmeister) und Zwirn (Michael Maertens).

Brillanz und Brachialkomik

Salzburg - Matthias Hartmann inszenierte für die Perner-Insel in Hallein Johann Nestroys „Der böse Geist Lumpazivagabundus“.

Am Ende fährt eine Puppenstube auf die Bühne, und die drei geläuterten Haderlumpen schauen, sauber geputzt, aus ihren Barbie-schnuckeligen Wohnungen heraus: Tischler Leim, Schuster Knieriem und der Schneider Zwirn. Das ironische Happy End in bürgerlicher Anständigkeit – mit Familie, Fleiß und Feierabend. Johann Nestroys Klassiker „Der böse Geist Lumpazivagabundus oder Das liederliche Kleeblatt“ hatte im Rahmen der Salzburger Festspiele auf der Perner-Insel von Hallein am Donnerstagabend seine Premiere (gut drei Stunden mit Pause). Das Stück von Nestroy (1801-1862) ist ja insbesondere für Österreich unverzichtbar. Deswegen hat der (piefkenesische) Intendant des Wiener Burgtheaters Matthias Hartmann als Regisseur der Koproduktion dafür gesorgt, dass der Schmäh gscheit rennt.

Allerdings zerging dieser zumindest bei der Premiere in der dumpfheißen Ex-Salinenhalle nicht so schaumig locker in unserem Genusszentrum, wie es sich für ein Salzburger Festspiel-Nockerl geziemen würde. Dabei hat Bühnenbildner Stéphane Laimé eine Art Bühnengerüst (riesig) gebaut, in dem wir schön altmodische flache Kulissenteile bereitstehen sehen. Bei Bedarf werden Wolken, Wohnungswände oder Sträucher hereingeschoben; die Musiker Karsten Riedel, Tommy Hojsa und Bernhard Moshammer sind hier untergebracht und spielen schräg und unzuckrig auf. Respekt vor den traditionellen Klängen Adolf Müllers beim legendären Kometen-Lied haben sie – aber nicht zu viel. Und so bekommt Nicholas Ofczarek nach dem Nonsens-Anheizer „Eduard und Kunigunde“ die (musikalisch verfremdete) Vorlage für einen brillanten Auftritt, der ihn – zu Recht – in die Ahnengalerie der österreichischen Knierieme versetzen wird. Er sorgt zusammen mit den Satire-Zusatzstrophen von Nicolaus Hagg für die „echte“ Untergangsvision. Die rutscht nicht Couplet-nett ins Ohr hinein und am Hirn vorbei, sondern bohrt sich zwischen bitterer Wahrheit und noch bitterem Wahn dort hinein.

Jenes beunruhigende Flackern ist etwas, was Ofczarek frappierend beherrscht. Überhaupt ist die Aufführung insofern sein Abend, als er der Einzige ist, der alle Nuancen seiner Figur leben lässt: dieser abgerissene Schustergeselle, der viel lieber Astronom geworden wäre, aber gar nicht lesen kann. Der felsenfest an den die Welt vernichtenden Kometen glaubt und sich deswegen wurschtig in den Untergang säuft. Der gewalttätig ist – und sich stets für unschuldig hält. Der Schauspieler macht daraus eine große, weil feinsinnige Säuferstudie – nie grobkörnig, schon gar nicht krachert lustig. Die Komik ist filigran und immer von Melancholie unterfüttert.

Die andere Abräumer-Rolle ist der Zwirn. Und Michael Maertens sorgt dafür, dass man ihn mit Sicherheit nicht übersieht. Etwas aufdringlich spielt er sich in den Vordergrund. Hohe Näselstimme, ab und an ein Meckern zum langen Ziegenbart (Gewaltkomik!), körperliche Gewandtheit, die dem Viel-Tänzer Zwirn im engen, grünen Fantasie-Anzügerl (Kostüme: Victoria Behr) gut ansteht. Der Schauspieler bietet das professionell ziemlich virtuos, aber die Seele dieses Bruders Leichtfuß ist im Artistischen abhanden gekommen. Die hat es bei Florian Teichtmeisters Leim ebenfalls schwer hervorzuspitzen. Der Tischlergeselle, der so leidet, weil er glaubt, seine geliebte Peppi heiratet einen anderen, ist aber doch ein Seelchen. Hier bei der Personenregie merkt man einfach, dass Regisseur Hartmann das Menschliche in der Zauberposse nicht wirklich ernst nimmt.

Wichtiger ist ihm herauszustreichen, dass er den Biedermeier-Schmäh von der heilen Bürgerwelt durchschaut hat. Aber das steht schon so bei Nestroy. Der hält allerdings alles in der Schwebe: hier das Arbeiten – freilich nicht das Raffen und Geizen; dort das Feiern – freilich nicht bis zur Selbstvergessenheit und -vernichtung. Der Moralist in Nestroy gibt sich im 1833 uraufgeführten „Lumpazivagabundus“ philosophisch-argumentativ. Und da hat das Idyll, da hat auch die Hoffnung ihren Platz.

Das lässt die Regie nicht zu. Schon der Auftakt mit den punkigen Zaubersöhnen im Feenreich zeigt sie als Lumpazi-Junkies. Der böse Geist, bei Max Mayer ein im wahren Sinne des Wortes schleimiger Teufel-Tod, hat nicht den geringsten Charme, der fürs „lustige Elend“ jedoch nötig ist. Dafür gibt es Brachialkomik: Fortuna (Maria Happel), Glück- oder eher Geldfee, gibt eine Angela-Merkel-Parodie à la Nockherberg, Feenkönig Stellaris (Peter Wolfsberger) präsidiert unter den EU-Sternen, und die Fee der wahren Liebe, Amorosa (Mavie Hörbiger), tritt, wimper-klimper, im schlecht sitzenden knatschrosa Kostümchen auf. Genauso schlecht sitzend sind weitere Komödiantikversuche. Die schwäbelnde Hausangestellte von Peppis Pappi (gelassen: Branko Samarovski) muss zum Beispiel einen Schwarzwaldmädel-Hut tragen – oh mei, so ein „neuer“ Einfall.

Hartmanns Härte beim „Lumpazi“ geht in Ordnung bis hin zur adrett-unsympathischen Erfolgsfamilie Leim, Hartmanns Humor jedoch quält den Nestroy-Verehrer. Obendrein gehen die grandiosen Sprach-Feuerwerke des Dramatikers von der einzigartigen Gestalt unter – vielleicht auch wegen der schrecklichen Mikroports.

Simone Dattenberger

Weitere Vorstellungen

bis 17. August in Hallein,

Telefon 0043/ 662/ 80 45 500; ab 6. September am Wiener Burgtheater.

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