Brillanz kann ich nicht verkaufen

- Mit Händels Oratorium "Saul", das vom Fall dieses Königs und seinem Hass auf den Goliath-Bezwinger David erzählt, setzt die Bayerische Staatsoper ihre Barock-Serie fort. Premiere ist am kommenden Montag, Ivor Bolton dirigiert, Christof Loy führt Regie. Loy (40), der aus Essen stammt, hat in jüngster Zeit durch Theater-, vor allem durch Opern-Produktionen wie "Alcina" (Hamburg) oder "Ariadne" (London) Aufsehen erregt. 1998 inszenierte er an den Münchner Kammerspielen "Hautnah", "Saul" ist sein Debüt an der Staatsoper.

"Offiziell" gilt das Stück als Oratorium. Ist die Genre-Zuordnung überhaupt wichtig?

Loy: Ich finde die Diskussion ein bisschen müßig. In der Partitur sind ja auch Auf- und Abgänge verzeichnet. Damals war Oratorium ein Sammelbegriff für musikalisch-sakrales Spiel. Wenn heute im Konzert die Leute auf der Bühne stehen, singen und keine Miene verziehen, denke ich mir: So streng kann die Sache nicht gemeint sein. Der Händel würde verrückt, wenn er sehen könnte, wie langweilig manche Kantoren oder Sänger seine Werke hinrichten.

Um was geht es grundsätzlich? Um einen Generationenkonflikt? Oder gleich um den Start einer neuen sozialen, kulturellen Ära mit dem Machtantritt Davids?

Loy: Um die Überschneidung einer Familiengeschichte mit psychologischen Abläufen innerhalb der Figuren und mit dem, was ein ganzes Volk durchleidet. Während der Probenarbeit hat sich meine Sicht verändert. Instinktiv habe ich mich für den Aufsteiger, also für die schillernde, scheinbar sympathische David-Figur interessiert. Dann merkte ich: Die große, tragische Gestalt ist Saul, die sehenden Auges ins Verderben läuft. Jemand, der mitbekommt, dass alle Kontrollfunktionen, die das Hirn so bietet, ausgeschaltet werden.

Nach großer Trauer um den toten Saul klebt Händel einen Jubel-Chor dahinter. Ein Happy-End?

Loy: Eine zweischneidige Sache. Das Volk findet zwar zu einem Bewusstsein - aber auch zu einem gemeinsamen Schlachtruf. Das klingt nicht gut in meinen Ohren.

Im Unterschied zu vielen eher schwarzweiß gezeichneten Figuren der Barockmusik fällt eine große Vielschichtigkeit der Charaktere auf . . .

Loy: Das liegt auch an Händel, der wie Mozart, Verdi oder Berg ein großer Menschenkenner war. Einer, der wusste, dass das vorschnelle moralische Einordnen einer Figur das Publikum nicht interessiert. Im "Saul" gibt es gleich eine Hand voll farbiger Figuren-Porträts. Anders als bei stereotypen Rollen seiner Frühwerke blitzen verschiedene Charakterzüge immer wieder auf, es ist keine homogene, lineare Dramaturgie. Zu Beginn wird unsere Aufführung fast verwirrend konzertant sein. Die chorische Ebene passiert neben der Saul-Handlung fast als eigene Geschichte. Nach und nach treffen sich die Ebenen.

Sie haben viel Schauspiel inszeniert: Wo fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?

Loy: Kann ich nicht sagen. Künftig will ich mehr fürs Sprechtheater inszenieren. Wenn ich in der Oper auf Sängerdarsteller treffe, die eine ähnliche Auffassung wie ich habe, bin ich am glücklichsten. Am Theater suche ich auch immer die Sänger unter den Schauspielern. Die zu einer Art Klangfluss finden, Sprache als Musik empfinden und emotional abgesichert sind. Wie eben früher an den Kammerspielen und jetzt am Residenztheater.

Woher kommt eigentlich dieser Barock-Boom? Liegt's an Händel oder an vielen Regisseuren, die dem Publikum einfach eine gute Show bieten?

Loy: Das mit der Show läuft bei "Saul" natürlich nicht. Bei mir übrigens auch nicht - ich bin ja kein Brite (lacht). Und ich kann das alles nicht einlösen, was mit Zauberei und poppigen Aufbereitungen zu tun hat. Da bin ich zu deutsch.

Liegt's wirklich an der Nationalität?

Loy: Na klar. Ein bisschen natürlich auch an meinem Charakter. Aber die so genannte Brit-Pop-Kultur deckt sich mit dem, was zum Beispiel Händels "Rinaldo" seinerzeit ausmachte. Interessant ist nur, dass sich bei dem damaligen Publikum eine gewisse Übersättigung breit machte und eine Nachfrage nach, vorsichtig gesprochen, ernsteren Auseinandersetzungen mit der Welt spürbar wurde. Dadurch änderten sich auch die Stücke.

Könnte das jetzige Publikum auch übersättigt werden von diesem Regie-Stil?

Loy: Das kann man schon absehen. Das gibt es ja auch im Sprechtheater. Dieses Spaßkulturige bereitet auf Dauer doch eher Unbehagen. Ich würde auch nicht jede Händel-Oper inszenieren. Ich komme mit den Stücken ab 1730 besser zurecht, mit der Hochblüte des 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung. Als die Kontrollinstanz Verstand wichtig wurde und alles Kreatürliche eine Reife entwickeln musste. "Rinaldo" könnte ich nicht machen, da eine gewisse Brillanz im Vordergrund steht, die man gut verkaufen muss. Das liegt mir nicht. Wenn ich spüre, dass jemand verzweifelt um Inhalt gerungen hat, kann ich besser verkaufen.

 

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