Britische Sozialstudie

- Schnee fällt. Silvester 1999. Sie sinniert über Neubeginn und Hoffnungen. Er macht ihr eine Eifersuchtsszene und verlässt sie. Gerade noch legten die Flocken versöhnlich eine zarte Decke über ihre wunde Seele, jetzt verhöhnen sie mit ihrem Zauber von der Leinwand herab die junge Frau. So ist es immer in Racheals Leben, die trotz ihrer unglücklichen Kindheit im maroden Manchester-Vorort Stockport den Glauben an die Poesie nicht verloren hat. Immer wieder muss sie sich die Spritzer zerplatzter Seifenblasen aus dem Gesicht wischen.

<P>Simon Stephens, 34-jähriger britischer Autor, hat mit "Port" eine Sozialstudie über seine Heimatstadt geschrieben und sie in ein Stationendrama gekleidet: acht Szenen. In der ersten ist Racheal elf und mit Bruder und Mutter vom Vater vor die Tür gesetzt worden; am Ende ist sie 24 und bereit, für immer weg zu gehen. David Böschs Inszenierung vom Hamburger Thalia Theater ist ehrlich und unverklärt. Nicht ganz zufällig wurde mit ihr am Wochenende "Radikal jung", das Festival junger Regisseure, am Münchner Volkstheater eröffnet: Bösch und Kollegen könnten Geschwister dieser 1977 geborenen Racheal sein.</P><P>Radikal an dieser Aufführung ist nicht die Inszenierung. Radikal ist vielmehr, dass das eher handlungsarme Stück sämtliche Zuschauer der Perspektivlosigkeit einer bestimmten Generation aussetzt. Und dass es dabei über zwei Stunden fasziniert, ist Böschs Verdienst, der besonders in Anna Blomeier als Racheal und Michael von Burg als Bruder Billy starke Schauspieler hat. Die Bühne ein Parkplatz, Ortswechsel nur angedeutet. Gut gearbeitete Dialoge. Zeichentrickfilme, in denen die Kinder des Stücks sich endlich zu Hause fühlen, als plausible Ornamente. Hohe Messlatte für Matthias Kaschig, der "Port" im Mai am Münchner Volkstheater inszenieren wird.</P><P>Nächste Festival-Vorstellungen: heute "Was ihr wollt", morgen "Don Karlos".</P>

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