Der "Brocken" Bruckner kam an

- Bruckner sollte es sein. Ausschließlich Bruckner. So hatte es sich der ehemalige Chef des Festivals de Música de Canarias gewünscht und vor etwa drei Jahren bei den Münchner Philharmonikern die fünfte und die achte Symphonie "geordert".

Als weitere "schwere Brocken" werden beim heurigen Festival auf Teneriffa und Gran Canaria noch bis Ende Februar aufgefahren: Mahler von den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle, Wagners "Tristan" konzertant vom WDR Sinfonieorchester Köln unter Semyon Bychkov, Schönberg vom Orquesta Filarmónica de Gran Canaria und Tschaikowsky vom Helsinki Philharmonic Orchestra.

Anfang dieser Woche, direkt nach den drei beeindruckenden Münchner Aufführungen der 8. Symphonie, brachen das Münchner Orchester und sein Chef Christian Thielemann Richtung Kanaren auf. Obwohl sicher niemand beim Gedanken an die spanischen Sonneninseln im Atlantik Bruckners gewaltige Klänge assoziiert, schwört der spanische Manager Alfonso Ajón auf den kleinen Mann aus dem oberösterreichischen St. Florian, dessen Symphonien er auf dem hispanischen Festland bereits präsentierte. Auch auf Teneriffa war die Achte schon zu hören ­ als Eigenproduktion vom dort ansässigen Philharmonischen Orchester. Die Fünfte allerdings erklang beim 1985 ins Leben gerufenen Kanarischen Festival jetzt erstmals. Vielleicht sogar zum allerersten Mal auf dem Archipel. Die klassische Musiktradition auf den Atlantikinseln entwickelte sich im 19. Jahrhundert als eine Philharmonische Gesellschaft entstand, Kammermusik und Chorkultur gepflegt wurden. Überdies machten Operntruppen, die von Europa aus nach Südamerika schipperten, auf den Kanaren regelmäßig Station.

Jetzt bescherten Christian Thielemann und die Münchner Philharmoniker als derzeit weltweit kaum zu überbietendes Bruckner-Team den hauptstädtischen Musikfreunden in Santa Cruz ­ neben Einheimischen auch etlichen Deutschen ­ zwei denkwürdige Konzerte, die in Begeisterung und Bravorufen mündeten. Thielemann türmte seine sonor tönenden, vor allem in den gigantischen Steigerungen der Achten faszinierenden Klang-Burgen in die direkte, transparente, klare Akustik des imposanten Auditorio von Santiago Calatrava (Oper in Valencia, Olympiastadion in Athen). Der Bau ragt kühn wie ein martialischer mit "zerbrochenen", weißen Fließen beschichteter, schimmernder Helm ins Meer oder schwappt wie eine Welle aufs Land. Im Innern steigt der Saal (1600 Plätze) steil an, verengen sich die wie ein Lampenschirm aufgefältelten Wände und scheinen ganz oben den Blick in die Wolken zu eröffnen.

"Das Paradies ist nirgendwo. Die Arbeit muss scharf und zackig sein. Da gibt es keine Kompromisse."

Christian Thielemann

Kein schlechter Ort also für Bruckner, der jedoch für Thielemann in den Osten gehört. "Bruckner ist gar nicht so katholisch. Für mich ist seine Musik die Weite Ostpreußens, die aus Backsteinen gefügte, mächtige Marienburg…" Kein Wunder, dass der preußische Maestro tagsüber nicht den sonnigen Verlockungen Teneriffas erliegt. "Das Paradies ist nirgendwo", kommentiert er knapp und meint, "die Arbeit muss scharf und zackig sein. Da gibt es keine Kompromisse." Also geht er in Klausur ins Hotelzimmer.

Ob er dort beherzigt, was er propagiert, nämlich dass "ein Adagio von Bruckner ideal zum Chillen ist", verrät er nicht. Jedenfalls liebt er seinen Bruckner, "der immer passt und bei dem ich mich nicht mit Regietheater herumärgern muss". Und die Philharmoniker mit ihrer langen Bruckner-Tradition (von Hermann Levi über Ferdinand Löwe, Siegmund von Hausegger und Oswald Kabasta bis zum unvergessenen Sergiu Celibidache) verstehen sich prächtig mit ihm und lassen sich gern herausfordern. "Wir lernen beide", bestätigt Orchestervorstand Wolfgang Berg. "Thielemann ist weicher geworden, er lässt mehr passieren und zwingt uns durch seine Körpersprache oder seine Augen auch spontan, so zu spielen, wie er es will." Das Publikum auf Teneriffa, das die Münchner Philharmoniker zuletzt 1995 auf Celis letzter Auslandstour gefeiert hatte, ließ sich erneut mitreißen. Bruckner kam blendend an.

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