Brodelndes Süppchen

- Masse, Anonymität, Subkultur, Konsum und vor allem die wahnsinnige Schnelllebigkeit - das sind die Zutaten für den Schmelztiegel Shanghai. Hier werden Alt und Neu, West und Ost zu einem neuen Süppchen aufgekocht, das mitunter hitzig brodelt. Genau dafür haben die jungen Künstler der chinesischen Metropole auch die richtige Sprache gefunden: Foto und vor allem Video.

<P>Damit kann man auf die Hektik der Großstadt angemessen reagieren und die Veränderungen zu einem filmischen Knallbonbon werden lassen. In der lothringer dreizehn in München sind jetzt einige davon zu sehen: Kuratorin Courtenay Smith hat - mit Unterstützung mehrerer Institutionen _ mit "Shanghai surprise" zum einen den Asia-Trend der großen Museen aufgegriffen, sich aber zum anderen bemüht, neben den zuletzt etablierten Namen auch mit Unbekannten für Überraschung zu sorgen. Die Räume sind laut und dicht bestückt.</P><P>Was sich seit Mao alles getan hat, zeigt Zhou Hongziang in seinem rasanten Filmspecial, das Zitate und Fragen, schnelle Schnitte und Cartoon-Elemente zu einer rotzfrechen Kulturschau verbindet. Ähnlich kritisch Zhou Xiaohu: Seine gar nicht so niedlichen Knetmännchen stellen garstige Szenen aus dem Fernsehen nach, leere Gesten und Massenmanipulation. Auf eine ähnliche Idee greift Hu Jie Ming zurück, der im Gegensatz zum Rest der Künstler noch die Kulturrevolution mitgekriegt hat. Sein Thema: Bewegung, sprich Ausweichmanöver und Durchsetzungsvermögen in einer Massengesellschaft. Bei Chen Xiaoyun artet das ganze in ein Hüpfen zwischen Alltag und Idee aus: Seine Protagonisten werden nie ganzen den Boden und nie ganz den Himmel der Illusionen erreichen, sondern sich in der Rastlosigkeit zerreißen.</P><P>Hinfort mit dieser Hektik! Verzweifelt versucht ein junges Mädchen bis hin zur völligen Erschöpfung, die pulsierende Stadt auf der Leinwand gegenüber wegzublasen. Oder haucht sie dem jedes Mal beschleunigten Geschehen erst Leben ein? Yang Zhenzhong hat diese zwiespältige, nachdenkliche, fast poetische Installation geschaffen. Für Aufsehen aber dürfte vor allem die kleinste und die größte Filmschau von Xu Zhen sorgen: Dem Paar unterstellt man zunächst Unsittliches, bis man merkt, dass sie die Hosenreißverschlüsse als Aschenbecher und Taschen benutzen. Ein boshaftes und witziges Aufbegehren gegen den Sittenkodex. Ähnlich stöhnt der Künstler auf drei Leinwänden sein Konzert. Auch hier wird klar: Pop und Revolution haben immer noch etwas gemeinsam. </P>Bis 27. Februar 2005, Telefon 089/ 44 86 961.

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