Es brodelt weiter

- Die Münder weit aufgerissen, die Arme erhoben, stürmen sie voran. "Revolution" scheint die Arbeitermasse zu schreien, von oben fallen Freunde wie Feinde von der Brüstung. Die ganze Szenerie ein einziger Aufruhr. "Saalschlacht", 1933. Lothar-Günther Buchheim ist gerade 15 Jahre alt, schneidet die politischen Turbulenzen vor dem Nationalsozialismus in Linol. Klar strukturiert, emotional verdichtet, die vielen Details zu einer einzigen Aussage gebündelt: Die Welt steht Kopf.

Sie wird es auch weiterhin tun. Das Brodeln hält bei Buchheim nie inne. Es prägt ihn von den ersten Bildern 1930 bis hin zu den späten bayerischen Landschaften 1996. Dass dazwischen die Kriegsjahre, die Galeriegründung, der Aufbau seines Verlages und seines Rufes als Autor und Fotograf, dass dazwischen Reisen, manisches Sammeln und der jahrzehntelange Kampf um ein Museum liegen, hat die Kraft Buchheims eher beflügelt als gehemmt. Dass das malende Wunderkind von einst, der spätere stets lautstarke Kunstkenner es erst jetzt wagt, in seinem 2001 eröffneten Museum in Bernried eine eigene Retrospektive zu zeigen, ist erstaunlich. Anlass dazu ist sein 88. Geburtstag am 6. Februar.

250 Werke, Schwerpunkt Malerei. Die Auswahl leitet von einer Dokumentation über zur puren Malerei. Zwei Stockwerke, ein Saal plus Veranstaltungsraum ermöglichen einen Gang durchs Vorkriegs-Mitteldeutschland, durch U-Boot-Szenerien und leuchtende Landschaften. Wie Buchheim von der Mutter gelernt hat, belegen akribische und doch frei modellierte Skizzen. Waldschrate und Albträume neben Realismus in den 30er-Jahren in Bleistift, davor die linearen bis expressiven Linolschnitte: Arbeitslose, Städte.

Eindrücke auf seiner Paddelboottour die Donau entlang legen den Grundstock für die Landschaftsmalerei. Der Feder bleibt Buchheim auch während seiner Jahre als Kriegsberichterstatter treu: Die Gischt spritzt schwarz auf den Felsen. "Von Krieg ist nichts zu sehen", notiert er froh 1944 zu seinen bretonischen Idyllen, die erdfarbig schon den freien Pinselschlag dem strikten Tuscheduktus gegenüberstellen. Später, in den 50er- und 60er-Jahren, wird daraus konzentrierte Farbpracht zwischen schwarzem Liniengerüst. Nach einem Blick auf die - umstrittenen - Großporträts seiner Marinekameraden tun die Moorlandschaften der Nachkriegsjahre besonders gut. Buchheim befreit sich immer mehr von der Grafik. Die "Tropen von Feldafing", die er 1972 nach eine Malreise in die Südsee bei seiner Heimkehr entdeckt, entfachen ein Leuchtfeuer. Zuletzt greift Buchheim 1996 zum Pinsel: entflammt und sichtlich gelassen.

Bis 28. Mai, Katalog: 24,80 Euro. Tel. 08158/ 99 700.

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