Broders Polemik "Hurra, wir kapitulieren!"

- Unbehagen, ja Überdruss stellen sich schnell ein, wenn Henryk M. Broder seine polemischen Thesen vorbringt. Jetzt schlachtet der Dauerprovokateur die nächste heilige Kuh: den Dialog der Kulturen. In "Hurra, wir kapitulieren!" verübt Broder wieder einmal ein Debattensakrileg - und das ist auch gut so. Denn er verteidigt mit Verve ein Gut, das er zwar stärker in Anspruch nimmt als andere, das gleichwohl Stützpfeiler der Demokratie ist: die Meinungsfreiheit.

Er sieht sie bedroht von einer "Lust am Einknicken" gegenüber gewaltbereiten Islamisten. Sein roter Faden ist der Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen -und das Verständnis des Westens für empörte Fundamentalisten. "Dürfen fromme Juden von Nicht-Juden den Verzicht auf Schweinefleisch verlangen?"

Nach dieser Logik ja, meint Broder -und Analphabeten dürften Buchläden zerstören, "in einer Welt, in der sich jeder gekränkt und gedemütigt fühlen darf". Wie eh und je überspitzt Broder hemmungslos. Für mildernde Umstände möchte man plädieren in all den Einzelfällen, in denen der smarte Publizist Zitatbrocken von Politikern, Literaten und Wissenschaftlern aufklaubt. Im Diskursmosaik, das er dadurch sichtbar macht, fehlen jedoch so augenscheinlich die Kontraste, dass die Botschaft mit überzeugender Wucht ankommt.

Auch wenn Vorsicht geboten bleibt vor gefährlich verstiegenen Thesen wie dieser: "Die Idee, man könnte dem Terror nur mit rechtsstaatlichen Mitteln beikommen, übersteigt die Grenze zum Irrealen." Der Dialog der Kulturen sei zum Scheitern verurteilt, solange die eine Seite ihn verweigere, da nutze auch keine vorauseilende Selbstzensur -diese Kernaussage variiert Broder unterhaltsam und spritzig. Wie aktuell sie ist, zeigte unlängst der abgesetzte "Idomeneo".

Broder würde den "marodierenden Söhnen Allahs" einfach beherzt zurufen: "Sagt uns nicht, was wir machen oder nicht machen dürfen, wen wir zeichnen und was wir lesen dürfen. Niemand zwingt euch, Erica Jong zu lesen und die Beatles zu hören." Oder in die Berliner Oper zu gehen.

Henryk M. Broder: "Hurra, wir kapitulieren!"

WJS Verlag, Berlin, 167 Seiten; 16 Euro.

Der Autor ist heute um 20 Uhr im Münchner Literaturhaus zu Gast, Karten unter Tel. 089 / 280 01 35.

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