Das Brot des Lebens

- Mei liab, denkt man beim Anblick der kurzen Wix, miniaturklein für ein Buberl. Sie ist mit grauer Wolle akkurat gestrickt, liebevoll verziert an den Trägern wie die stolzen ledernen Verwandten. Aber so ein edles Stück war in den Kriegs- und Nachkriegstagen für eine Mutter mit zwei Kindern ein unerreichbarer Traum von einer besseren Welt.

<P>Einen Zipfel davon sollte ihr Vierjähriger aber doch mit seinem Hoserl bekommen. Eine typische Geschichte aus der Zeit des Zusammenbruchs und Neuanfangs vor 60 Jahren. Die Menschen waren - wie heute noch Millionen auf der Welt - durch Not gezwungen, zu Virtuosen des praktischen Verstandes zu werden.<BR><BR>"Der Krieg ist aus"</P><P>Alle derartigen Ausstellungen demonstrieren das, so auch "Der Krieg ist aus. Erinnern in München 1945- 2005" im Münchner Stadtmuseum (Kurator: Thomas Weidner; Mitveranstalter Kulturreferat, Stadtarchiv, SZ). Aber diese Schau geht einen Schritt weiter. Neben dem netten Kleidungsstück in der Vitrine findet sich auf einem Lesepult die Geschichte dieser Hose. Sie reicht weit über einen Beweis für Erfindungsreichtum hinaus, sie ist Symbol für ein Schicksal. Bis heute hat eine Frau sie aufbewahrt, denn sie hat damals ihren Bruder verloren. Er hatte Bauchweh bekommen. Der Arzt schickte ihn und die Mutter weg, weil sie weder den gewünschten Kaffee noch ein Geselchtes besaß, um ihn zu entlohnen. Zu Fuß schleppten sich Mutter und Sohn zur Kinderklinik, wo der Kleine bald starb.<BR><BR>Vor einem Jahr wurden die Münchner Bürger gebeten, Erinnerungsstücke bei einem "Fundbüro" vorbeizubringen und zu berichten, welch eine Bewandtnis es damit habe. 40 Objekte wurden für die Präsentation anlässlich des Kriegsendes vor 60 Jahren ausgewählt. Die Täter-Seite fällt dabei naturgemäß weg. Die kann der Stadtmuseumsbesucher ergänzend in der Abteilung "Nationalsozialismus in München" betrachten. "Der Krieg ist aus" unterstreicht die Opferseite. Und dabei wiederum die der Verfolgten des NS-Regimes. Nicht zufällig sieht man beim Betreten des Museumssaals zuerst den grau-grün gestreiften KZ-Mantel von Jakob Ben Zion Feinstein, den seine Frau Gertraud aufbewahrt hat. Die ledernen Babyschuhe belegen die Handwerkskunst der Displaced Persons. Das Gemälde von Fella Cederbaum schreit die Pein der Tochter von KZ-Überlebenden heraus, die all die Angst auf sie vererbten. Und der Maler Adolf Frankl und sein Sohn Thomas hoben etwas auf, was wie ein winziger krustiger Stein ausschaut. Diese Brotkrume versinnbildlicht Leben für den Überlebenden des KZs Birkenau.<BR><BR>Die Ausstellungen setzt all die äußerlich unscheinbaren "Exponate" wirkungsvoll in Szene - auch durch den in leicht ruinösem Zustand belassenen Saal. Jeder Gegenstand wird als Solitär präsentiert, in seiner Einmaligkeit hervorgehoben. Er steht für das Einzelschicksal und zugleich für das Individuum, das damit seine Erinnerungsbilder hervorruft. Erklärende Anmerkungen und unmittelbare Aussagen der Besitzer zeigen das Persönliche. Gleichzeitig kehren Auswahl und Musealisierung das Exemplarische der Begebenheiten hervor. Da man den Menschen durch diese emotionalisierten Objekte ganz nahe kommt, ist ein Ausweichen in allgemeine und also leichter zu ertragende Historisierungen unmöglich gemacht.<BR><BR>Zu der Vielfalt der "Fundstücke" gehören nicht nur tief bewegende Dinge, sondern auch Kuriositäten wie eine raffinierte Mausefalle - Nahrung war kostbar -, in die aber nie ein Nager getappt ist; oder ein jahrzehntelang vergessener, ungeöffneter Schrank im Rathaus. Beim Umbau 1997 fand man darin wie bei einer Zeitreise Fellmantel, riesige Bastüberschuhe und Feldtelefon des Turmbeobachters, der den Bürgermeister über Bombenabwürfe informierte. Auf ähnliche Weise sind viele Erinnerungen abgesunken. Nach 60 Jahren scheint die Zeit gekommen, in der sie wieder auftauchen dürfen.</P><P>1.5.-31.7., Di.-So. 10-18 Uhr, Tel. 089/ 23 32 55 86; Begleitbuch: 19,90 Euro. Es gibt ein Begleitprogramm, darunter eine Reihe im Filmmuseum sowie Diskussionen im Gasteig: Auftakt am 3.5., 20 Uhr, "Polen. Erinnerungskultur ohne Platz in Europa".<BR></P>

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