BR-Symphoniker: Liebestod im Schuhgeschäft

- Gerade eben hatte man dies doch noch selbst gespielt. Ein paar Tausend Kilometer entfernt war das, allerdings für zahlende Konzertbesucher ­ und nicht als Untermalungsmusik für jene Dame, der gerade die Verkäuferin einen schwarzen Stiefel vom Bein zerrt, oder die beiden Kinder, die zwischen den Auslagen toben: der Liebestod aus Wagners "Tristan", zweckentfremdet auf der größten Pfeifenorgel der Welt.

Deren Prospekt prangt freilich nicht in einer Kathedrale Gottes, sondern in einer des Kommerzes, in der gewaltigen Halle des Kaufhauses "Macy‘s" im Herzen von Philadelphia. Und im Erdgeschoss, zwischen Lederwaren und Schmuck, sowie im ersten Stock bei der Damenmode stehen Mitglieder des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Andächtig, manchmal auch verblüfft und amüsiert.

Platzhirsche und Gäste fachsimpeln über Akustik

Wagner hatte US-Organist Peter Richard Conte bewusst ausgewählt. Täglich sitzt er um 12 und 17.30 Uhr an den Manualen und soll mit Bach, Grieg & Co. auf Barmusik-Pegel das Shoppen verschönern. Heute allerdings tritt Conte für die Kollegen beherzt aufs Lautstärke-Pedal und serviert als Gruß jenes Werk, das das BR-Ensemble kurz zuvor im Dom von Pisa aufgeführt hatte.

Jetzt, drei Tage später und einen Kontinent weiter, stehen sie mit Chefdirigent Mariss Jansons am Beginn einer USA-Tournee, die sie in drei wichtige Städte führt. Auftakt war am Mittwoch im Kimmel Center von Philadelphia, das beziehungsreich an der "Avenue der Künste" liegt und dessen Saal mit seinem kühnen Schwung und dem dunkel-rötlichen Holz an einen überdimensionalen Geigenkasten erinnert.

Danach geht es für drei Konzerte in die legendäre New Yorker Carnegie Hall, bevor ein Gastspiel in Chicago die Übersee-Reise beschließt. Die Neugier treibt manche schon am Tag nach der Anreise ins Kimmel Center, wo die Platzhirsche sitzen. Das Philadelphia Orchestra probt dort mit Neeme Järvi Schubert, Strauss und Hindemith.

Und gleich wird gefachsimpelt ­ über die Kollegen, über Järvi, den man gern wieder an die Isar einladen möchte und den der Vorstand in der Probenpause besucht, vor allem aber über die Akustik, die einige Probleme birgt. Man höre sich nicht optimal auf dem Podium, bemerken einige BR-Musiker, auch sitze man sehr weit auseinandergezogen. Und die Streicher, so Jansons selbst, seien hier im Vergleich zu den Bläsern meist zu leise.

Doch vom Chef, der während der Anspielprobe fürs Auftaktkonzert hektisch ins hintere Parkett eilt und dort mit Händeklatschen den Einsatz gibt, kommt bald Entwarnung. "Vergessen Sie alles, was ich gesagt habe." Nur im Tutti der Schostakowitsch-Symphonie mögen doch bitte die ersten und zweiten Geigen etwas mehr geben.

Abends im Konzert scheinen solche Bedenken wie weggeblasen. Vom ersten Rang aus ist der Raumklang ungewöhnlich präsent und direkt. So direkt, dass sich die hohen Lagen von Schostakowitschs sechster Symphonie in die Gehörgänge bohren ­ und die häufigen Huster dem Orchester ernsthafte Konkurrenz machen. Die leeren Plätze im Kimmel Center sind unübersehbar, was zwar ein wenig auf die Stimmung drückt, aber offenbar für Philadelphia typisch ist.

Doch wer zu Hause blieb, hat was verpasst. Etwa die wilde, zu allem entschlossene Virtuosität der Symphoniker des Bayerischen Rundfunks bei Schostakowitsch, als habe es so etwas wie Jetlag nie gegeben. Und nach der Pause eine kraftstrotzende Wiedergabe von Beethovens Siebter, der diese Akustik ungleich besser steht.

Schon bei Schostakowitsch entlud sich die Begeisterung in einem Aufschrei, nach dem Beethoven riss es die Zuhörer von den Sitzen. Mit einem Slawischen Tanz von Antonin Dvorák und dem etwas hemmungslos gespielten Schluss aus Strauss‘ "Rosenkavalier"-Suite bedankten sich die bayerischen Gäste. Hätte Jansons bei Konzertmeister Radoslav Szulc nicht das Zeichen zum Aufbruch gegeben, die US-Fans hätten ob dieses furiosen Tourneeauftakts glatt das Heimgehen vergessen.

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