Bruce Springsteen.
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In der Vergangenheit: Bruce Springsteen hält auf seinem neuen Album nostalgisch Rückschau.

„The Boss“ präsentiert sein Alterswerk

Bruce Springsteens neue Platte „Letter to You“: Nichts für Feiglinge

Mit 71 Jahren veröffentlicht der „Boss“ Bruce Springsteen sein Alterswerk: „Letters to You“ ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit.

  • Für das Album hat er die getreuen Veteranen der E Street Band versammelt
  • Erstmals wurden alle Lieder komplett live eingespielt
  • Die politische Lage in den USA ist kaum Thema

„Ich hoffe, später sitze ich nicht herum und denk’ an alte Zeiten zurück. Aber wahrscheinlich wird es so kommen. Die Zeit gleitet dir durch die Finger und lässt dich mit nichts zurück außer langweiligen Geschichten von glorreichen Tagen.“ Als Bruce Springsteen diese Zeilen 1984 in seinem Hit „Glory Days“ singt, ist er ein kraftstrotzender Mittdreißiger im Höhenrausch – nun, mit 71 und als Mann, der sich dem Herbst seines Lebens nähert, tut er doch, was er immerhin dreieinhalb Jahrzehnte lang vermieden hat. Auf seinem 20. Studioalbum, das heute erscheint, praktiziert er, was Künstler wie Bob Dylan oder Paul McCartney auf ihren Platten schon seit geraumer Zeit tun: Er blickt zurück. Und das mit der gebotenen bittersüßen Wehmut.

Im Takt: Der „Boss“ und seine E Street Band im Jahr 2019 bei den Aufnahmen zu „Letter to You“.

Vergangenes Jahr hat der Mann um seinen 70. Geburtstag herum die getreuen Veteranen der E Street Band versammelt, um noch einmal ein gemeinsames Album aufzunehmen. Erstmals wurden alle Lieder komplett live eingespielt, so als hätte es Springsteen eilig – aus Angst, noch ein paar seiner Weggefährten zu verlieren. Zwei Mitglieder der Band sind bereits verstorben, und den „Boss“ treiben die Vergänglichkeit, die Vergeblichkeit des Tuns, der Tod spürbar um. Das erklärt auch, weshalb er vorab zwei der schwächsten Lieder veröffentlichte, denn das Album bietet deutlich überzeugendere Stücke als den Titelsong „Letter to You“ und „Ghosts“.

Springsteen ist hier nicht bloß Geschichtenerzähler - er bekennt sich selbst

Aber diese Lieder geben den Ton vor: In „Letter to You“ weicht Springsteen von seiner Methode des Geschichtenerzählens ab und wendet sich direkt an den Hörer. Es ist natürlich ein lyrisches Ich, aber unverkennbar ein persönliches Bekenntnis – der Mann erklärt sich und sein Schaffen: für den „Boss“ völlig atypisch. In „Ghosts“ tut er dann, worüber er sich im eingangs erwähnten „Glory Days“ noch mokiert hat – er schwelgt in vergangenen Tagen und erinnert sich an all jene, die nicht mehr da sind, aber doch präsent in seiner Welt: die „Geister“ früherer Komplizen, die ihn inspiriert haben.

Glücklicherweise gelingt es dem „Boss“, mit anderen Liedern beim Hörer die Emotionen wachzurufen, die ihn offenbar selbst gerade im Griff haben. Angefangen bei der verhaltenen, melancholischen Eröffnung „One Minute You’re here“, in der er fatalistisch feststellt: „Ich dachte, ich weiß, wer ich bin und was ich tue – ich lag falsch.“ Zwischendrin drei Lieder, die er schon zu Beginn seiner Karriere vor bald einem halben Jahrhundert geschrieben, aber erst jetzt richtig eingespielt hat. Seine Band bietet diese Stücke mit jenem opulenten Übermut dar, der den frühen Springsteen berühmt gemacht hat.

Eine rührende Hommage an Bob Dylan

Obwohl man ahnt, weshalb er so lange gezaudert hat, die Lieder zu veröffentlichen. Der Einfluss von Dylan ist unüberhörbar, insbesondere bei „Song for Orphans“. Damals war ihm die Ähnlichkeit zum Meister vermutlich etwas peinlich, mit dem Abstand von ein paar Jahrzehnten ist das eher eine rührende Hommage und sehr schön anzuhören. Auffällig ist, dass Springsteen, gedrängt von existenziellen Gedanken, keine Mühe darauf verschwendet, sich an der aktuellen politischen Situation in den USA abzuarbeiten. Der amtierende Präsident ist ihm nur einen beiläufigen Satz wert, in dem von einem Gangster-Clown die Rede ist. Mehr gibt es dazu nicht. Stattdessen sinniert Springsteen in Stücken wie „Last Man standing“ darüber, der letzte Überlebende seiner ersten Schülerband zu sein.

Es weht ein gleichermaßen beruhigender wie bewegender Hauch von Nostalgie durch diese Lieder und erreicht den Höhepunkt in „House of a thousand Guitars“, in dem die E Street Band so breitbeinig und zwingend klingt, wie es eben nur die E Street Band kann. Dieser satte, lebensbejahende Klang im Cinemascopesound ist unerreicht, ebenso wie die wirklich kaum zu fassende Gabe Springsteens, immer wieder aufs Neue derart mitreißende Hymnen zu ersinnen.

Nostalgischer Blick zurück auf glorreiche Zeiten

Man sieht beim Hören vor dem inneren Augen regelrecht die Band auf der Bühne und eine verzückte Menge selig in den Chorus einstimmen, auch wenn es wegen Corona noch ein wenig dauern wird, bis der Boss wieder seine Rockmessen abhalten kann: „Brüder und Schwestern, wo immer ihr seid – wir treffen uns im Haus der tausend Gitarren.“ Zeit verrinnt, wir brennen in ihr, aber das ist kein Grund zu verzagen.

In der Dokumentation zu „Letter to You“ sieht man Springsteen und seine Kumpanen fröhlich musizieren und zechen – ein Manifest des Lebensmuts und ein würdiges Alterswerk. Springsteen bleibt der „Boss“. ZORAN GOJIC

Bruce Springsteen:
„Letter to You“ (Sony).
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