Bruckner unterm Super-Objektiv

- Ende September wird geflittert. Unter anderem nach Zagreb, Madrid, Paris und Wien. Und damit sich die dann Neuvermählten im bestmöglichen Zustand präsentieren, wurde das Programm der Europatournee schon mal vorab im Münchner Nationaltheater präsentiert.

Typisch für Kent Nagano ist, dass der künftige Generalmusikdirektor fürs Bayerische Staatsorchester nicht den gefälligeren, melodiöseren Endzustand von Bruckners Vierter wählte, sondern die wenig bekannte Urfassung. Eine zerrissene, kaum gebändigte Version, mehr Rohdiamant als blinkender Schmuck, mehr Stoffsammlung statt geschlossenes System. Ein Werk also, das dem Analytiker Nagano nur entgegenkommt.

Kent Nagano blickte mit einer Art Super-Objektiv auf die Partitur. Überscharf zeichnete sich das ab, was Bruckner später - auch auf Ratschlag wohlmeinender "Freunde" - glätten musste. Und dass das Staatsorchester Naganos Deutung bedingungslos folgte, dass hier mit einer solchen Konzentration und Hingabe gespielt wurde, wertete den Abend zum Ausnahmekonzert auf.

Die verstörende Modernität Bruckners wurde in dieser Aufführung noch betont. Atemberaubende, manchen Hörer wohl verunsichernde Momente gelangen vor allem im Kopfsatz. Trotz Bruckners charakteristischer "Blockbildung" glückten organische, sehr logische Übergänge.

Magisches "Siegfried-Idyll"

Das  Andante entfaltete sich ohne Erdenschwere. Spürbar wurde, dass sich hier die Musik noch nicht ihrer selbst gewiss ist, dass sie immer wieder zur Verfestigung drängt - und doch davor zurückzuschrecken scheint.

Die heikelste Aufgabe dabei ist, in dieser schrundigen Musik-Wildnis die Spannung zu halten. Nagano und dem Orchester glückte dies weitgehend. Dass sich im letzten Satz kleine Leerstellen auftaten, mag an Bruckner gelegen haben - oder an verzeihlichen Konditionsschwächen.

Gemessen an der Spielkultur, vor allem an den einzigartigen, butterweichen (Bläser-)Soli scheint das Staatsorchester seinem künftigen Chef schon jetzt verfallen. Denn auch das Eingangswerk, Richard Wagners "Siegfried-Idyll", bescherte magische 20 Minuten: in zügigem, flexiblem Tempo, oft extrem ins Pianissimo zurückgenommen, unsentimental, dabei stets auf größte Klangschönheit bedacht.

Bravi schon nach Wagner, Ovationen nach Bruckner: Wer wollte da nicht eine große Ära erwarten.

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