Brüchige Seide

- Immer noch eines der großen Streichquartette unserer Zeit, behutsam verjüngt zwar im Laufe der fast 50 Jahre seines Bestehens, und dennoch ist noch eines der Gründungsmitglieder dabei: Natürlich ist Valentin Berlinsky, Cellist des Borodin Quartetts, mittlerweile ein alter Herr. Würde sich der Nestor seine instrumentale Brillanz erhalten haben? Die Frage erwies sich als unbegründet, es wurde ein bewegender Abend im Münchner Herkulessaal.

<P>Ausschließlich Schubert hatten die Russen mitgebracht, am Anfang ein Werk des 16-Jährigen, danach zwei der drei großen Quartett-Bekenntnisse aus den letzten Lebensjahren, die Werke in a-moll und d-moll. Und tatsächlich schien ein Gutteil der geistigen Kraft des Ensembles von Berlinsky auszugehen: Ein simpler gezupfter Cello-Ton im Rondo des frühen Es-Dur-Quartetts reichte ihm, um eine seltsame Mischung aus Schmunzeln und Ratlosigkeit zu erzeugen.</P><P>In der zweiten Variation auf "Der Tod und das Mädchen" im d-moll-Quartett vereinten sich die ebenfalls Pizzikato gespielten Cello-Passagen mit den schwebenden Violin-Synkopen Ruben Aharonians zu einem fahlen Dialog. Immer wieder, etwa in der jenseitig zart gespielten Coda des Kopfsatzes aus dem "Rosamunde-Quartett", setzten die Borodins auf die leisen und leisesten Töne: ein Schubert am Rande des Verklingens, brüchige Seide, die sofort zerfiele, wenn man sie anrührte. </P><P>Die eine oder andere von Schuberts Bass-Figuren, die sich wie Giftschlangen dahinwinden, manch verderbens-satter Triller mochte durch solch liebevolle Behutsamkeit nicht maximales Katastrophen-Potenzial ausschöpfen - und dennoch ließ die Innenspannung nie nach, Zeichen souveräner musikalischer Ausdrucksfähigkeit. Nach dem in gemessenem Tempo begonnenen, in der Stretta zu fiebriger Raserei sich überwerfenden Finale des d-moll-Quartetts lang anhaltender Applaus und aus dem Publikum je eine rote Rose für die Musiker. </P>

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