Der Brückenbauer

- "Ja, ja, ja zur Entscheidung für die deutsche Kultur und Sprache." Das ist Guy Sterns Bekenntnis. Er selbst stammt aus einer jüdischen Familie und entkommt im Alter von 15 Jahren dem Holocaust. Von Hildesheim flieht er nach Amerika und gehört zu den Truppen, die im Juni 1944 in der Normandie landen. Seine Familie findet er allerdings nicht wieder, sie ist im Konzentrationslager umgekommen.

<P>Dennoch entwickelt Stern keinen Hass gegenüber der deutschen Sprache oder Kultur. Dies wäre für ihn einer "Selbstamputation" gleichgekommen. Er wird einer der bedeutendsten Forscher der Exilliteratur. Heute ist er Professor in Detroit und einer der Direktoren des dortigen Holocaust-Museums. <BR><BR>Ihm zu Ehren erscheint nun der Sammelband "Autobiographische Zeugnisse der Verfolgung". Darin widmen ihm deutsche, amerikanische und Schweizer Forscher Aufsätze zur Judenvernichtung, die sich unter anderem mit Heinrich Mann, Robert Neumann und Barbara Honigmann befassen. Das Ziel des Bandes ist zugleich die Mission Sterns: Das Bewusstsein für die Shoah soll bei Jugendlichen gestärkt werden.<BR><BR>Guy Sterns Beziehung zu München begann während eines Studienaufenthaltes 1962. Hier erweiterte er sein Forschungsgebiet um Autoren des deutschsprachigen Exils wie Nelly Sachs. Die Landeszentrale für politische Bildung und das Bayerische Kultusministerium fördern aus dieser Verbundenheit und aus dem gemeinsamen Ziel, der Vermittlung des Holocausts an Jugendliche, den Sammelband. Ministerin Monika Hohlmeier überreichte Stern gestern in einer Feierstunde den Band persönlich. Dieser bekräftigte in der Dankesrede die Beziehung zu Deutschland: "Ich bekenne mich als Brückenbauer zwischen alter und neuer Heimat."<BR></P><P>Konrad Feilchenfeldt / Barbara Mahlmann-Bauer (Hrsg.): "Autobiographische Zeugnisse der Verfolgung. Hommage für Guy Stern." <BR>Synchron Verlag, Heidelberg, 243 Seiten; 39.80 Euro.<BR></P>

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