Brünnhildes Liebestod

- Es war so hübsch ausgedacht: Weißer Rauch wäre dem Kulturreferat entstiegen, Lydia Hartl hätte auf einer Pressekonferenz den eifrigst Handküsse spendenden und frisch gescheitelten Christian Thielemann als neuen Chef der Münchner Philharmoniker ab 2004 präsentiert, und abends wäre man sektlaunig zum wundervollen Konzert mit dem Erben Levines in den Gasteig spaziert. Aber: das Geld, die ewig "konstruktiven Gespräche" (wohl bis Februar) - so blieb`s beim wundervollen Konzert. Immerhin.

Bedingt durch die Verschiebung von Henzes Zehnter auf 2004 geriet der Abend zu dem, was dem Berliner am besten liegt: zum reinen Opernprogramm. Nun mögen Pfitzners drei "Palestrina"-Vorspiele und Strauss` Orchesterfantasie aus der "Frau ohne Schatten" kaum als Abo-Hits taugen. Aber eindrucksvoll war schon, wie sich Thielemann in diese Musik hineinkniete (und ihm die Philharmoniker bis auf einige Unschärfen folgten), wie er gerade bei Pfitzner behutsam Klangschichten und Entwicklungslinien freilegte, wie im ausverkauften Saal der depressive, fahle Gestus dieser Stücke erfahrbar wurde. Auch das merkwürdige Themen- und Szenengebräu aus Strauss` Oper verströmte sich nicht im Diffusen, sondern entfaltete dank klugem Struktur- und Detailbewusstsein große Tiefenschärfe, wartete auch mit vollendeten Bläser-Soli (etwa die Posaune bei Baraks "Mir anvertraut") auf. <BR><BR>Trotzdem war im Mittwochskonzert zu spüren, dass Thielemann "arbeiten" musste, zuweilen stark koordinierend eingriff, dass ihm, anders als bei den grandiosen Gastspielen vor einigen Monaten, die Zusammenarbeit mit dem Orchester nicht so traumwandlerisch glückte - obwohl die Musiker wieder deutliche Sympathie für den Kandidaten erkennen ließen. <BR><BR>War`s Nervosität, der andauernde Posten-Poker? Thielemann wirkte eine Spur verkrampfter als sonst und schien sich erst bei den "Götterdämmerungs"-Ausschnitten, spätestens hier in Siegfrieds ausgelassen tänzelnder "Rheinfahrt" freizuschwimmen. Überlegen spielte er in der Kurzversion des "Ring"-Finales sein Wissen um dramatische Substanz, motivische Verflechtungen und Klangmischungen aus - wenngleich dem Trauermarsch das letzte Quäntchen Emotionalität zur wirklich erschütternden Größe fehlte. <BR><BR>Großartig schließlich der empfindsam musizierte, oft überraschend ins Verhaltene zurückgenommene Schlussmonolog - mit einer ausgesprochen lyrisch gestimmten Waltraud Meier. Das Wotanskind gehört als komplette Partie (noch) nicht zum Repertoire der Primadonna, mit ihrer intelligenten Textdurchdringung, ihrer sinnlichen und nie heroinenhaft trompetenden Intensität ist sie aber vielen Kolleginnen uneinholbar überlegen: Brünnhildes Liebestod - davon zeigte sich offenbar auch Thielemann berührt. Vollkommenes Glück also? Dazu fehlt der weiße Rauch. Die Münchner Saison 2003/ 04 muss bereits ohne den überall Begehrten auskommen, der statt an der Isar zum Beispiel zahlreiche Verpflichtungen in Wien eingegangen ist. Sollten die Verhandlungen scheitern, die hiesige Kulturpolitik stünde vor einem Scherbenhaufen. <BR>

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