Brünnhildes Unfall

- München - Er hilft der Bayerischen Staatsoper aus der größten Misere der letzten Jahrzehnte: Nach dem Tod Herbert Wernickes wird David Alden Wagners "Ring des Nibelungen" vollenden. Seit wenigen Wochen arbeitet er, der vor allem durch seine Barock-Produktionen zum Münchner Haus-Regisseur wurde, am "Siegfried". Premiere ist am 3. November, Zubin Mehta dirigiert. Die "Götterdämmerung" folgt dann am 28. Februar.

Was wird die größte Überraschung sein für Zuschauer, die "Rheingold" und "Walküre" kennen?<BR><BR>Alden: Es wechselt alles in einen ganz anderen Stil. "Das Rheingold" lasse ich unverändert. Für den ersten kompletten Zyklus im Mai inszeniere ich eine neue "Walküre" und ersetze Hans-Peter Lehmanns Übergangs-Produktion. Im "Siegfried" verlassen wir Wernickes Bayreuther Theater. Dieser Zuschauerraum bleibt auf der Bühne, jedoch nur im Hintergrund, präsent. Jeder Abend erhält eine eigene Stimmung. Es wird eine große Reise durch die Zivilisation.<BR><BR>Das heißt konkret?<BR><BR>Alden: In der "Walküre", ein düsteres Stück, sind wir in einem Krieg, Bayreuths Zuschauerraum ist zerstört. Die Menschen agieren wie in einer Art Tierversuch der Götter. "Siegfried" spielt in der Nachkriegszeit, in den 50er-Jahren vielleicht. Diese Oper ist für mich ein Roadmovie. Am Ende des Highways liegt die schlafende Brünnhilde wie nach einem Auto-Unfall. Wotan haust als Obdachloser auf der Erde. Ich denke an König Lear: Der große Gott muss tief fallen, auch an seinem Alter leiden. Und jeder, der den Ring berührt hat, bekommt auf einmal Probleme mit seiner rechten Hand, mit dem ganzen Arm. Eine Krankheit. Und in der "Götterdämmerung" leben alle in einer großen, leeren Halle: die Gibichungen als coole Post-Götter. Brünnhilde erinnert mich an Simone de Beauvoir, sie ist die Einzige, die alles begreift, eine Kämpferin für Ideale und Gerechtigkeit.<BR><BR>Ist dies nun Ihr "Ring"?<BR><BR>Alden: Absolut. Ich übernehme Einiges von Herbert Wernicke, Bruchstücke, gehe aber meinen eigenen Weg. Mich reizt der Kontrast zwischen dem, was hätte sein können, und dem, was tatsächlich daraus wird. Deshalb auch die neue "Walküre", damit ein richtiger Zyklus zustandekommt.<BR><BR>Mussten Sie lang überlegen, als Intendant Peter Jonas Sie gefragt hat?<BR><BR>Alden: Ich sagte sofort ja. Ich wollte immer den "Ring" machen, habe Jahrzehnte darüber nachgedacht. Dass ich für andere Regisseure eingesprungen bin, ist schon vier- oder fünfmal passiert. Ich finde es gut, wenn man sich fünf Jahre vorbereitet. Aber man schafft es auch in drei oder vier Monaten.<BR><BR>Ist der Zusammenbruch der alten Gesellschaft am Schluss der "Götterdämmerung" ein Happy End?<BR><BR>Alden: Das werden wir sehen. Ich habe sehr gemischte Gefühle, was dieses Ende betrifft. Brünnhilde wird fanatisch, will Reinigung durch Feuer. Diesen Gedanken finde ich auch gefährlich. Ich weiß aber noch gar nicht genau, worauf es hinausläuft.<BR><BR>Das klingt, als ob Inszenieren für Sie etwas sehr Spontanes ist.<BR><BR>Alden: Sehr sogar. Sicher muss man Bühne und Kostüme zu einem frühen Zeitpunkt festgelegt haben. Aber für mich ist es das Beste, in eine Probe zu gehen und erst einmal alles zu vergessen, was ich mir vorher überlegt habe, um mit den Sängern improvisieren zu können.<BR><BR>Aber Sie haben es mit einer Veteranen-Besetzung zu tun, die viele "Ring"-Inszenierungen kennt, die also womöglich mit vorgefassten Konzepten kommt.<BR><BR>Alden: Nein, es war ganz einfach. Alle sind Meister ihrer Rollen, so dass sie wirklich frei sein können und hunderttausend neue Bewegungen und Ideen ausprobieren wollen. John Tomlinson zum Beispiel ist so kreativ, dass er jeden Tag neue Facetten der Wotan-Rolle entdeckt.<BR><BR>Inwieweit sind Wagners Schriften wichtig für Sie?<BR><BR>Alden: Sehr. Aber ich schiebe das alles von mir weg, wenn ich inszeniere, damit ich naiv sein kann. Sonst belaste ich mich mit zu viel Gepäck aus der Vergangenheit. Es ist Theater. Und Theater muss immer frei sein und sollte nicht unter alten Problemen leiden.<BR><BR>Sie betreuen Ihre Produktionen auch nach der Premiere weiter. Offenbar wollen Sie Ihre Babys nicht allein lassen . . .<BR><BR>Alden: Es gibt immer so viele offene Fragen, Fehler, auch neue Besetzungen. Diese Inszenierungen sind wirklich wie Kinder, man muss ihnen helfen, nur dann kann man sie jahrelang zeigen. Und irgendwann können sie allein in die Welt gehen. Vielleicht.<BR> <BR>

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