Brunettis Nebenbuhler

- Donna Leon, die amerikanische Bestsellerautorin mit Dauerwohnsitz in Italien, hegt nicht nur eine besondere Leidenschaft für ihren weltweit geliebten Comissario Brunetti, dessen neuesten Fall sie gerade vorbereitet. Seit Jahren gibt es einen weiteren Mann, der sie in Bann zieht, genauer gesagt dessen Musik, und das ist Georg Friedrich Händel. Aufgewachsen in einem nichtmusikalischen Elternhaus, sah sie Mitte der 60er-Jahre durch Zufall in der New Yorker Met Puccinis "Tosca" und ist seither vom Musiktheater infiziert. Über Verdi, Donizetti, Bellini und Mozart kam sie schließlich zur Barockoper. Händel avancierte zu ihrem Lieblingskomponisten, für den sie vor allem in den letzten zehn Jahren eine besondere Passion entwickelte.

<P>"Seine Musik befriedigt mich am stärksten, sowohl musikalisch, intellektuell und emotional. Ich liebe sie wirklich besonders", sagt Donna Leon. "Meine Antwort, warum ich das Genre Oper so liebe, ist eher eine musikalisch unprofessionelle, denn ich bin eine durchschnittliche Opernbesucherin. Vielleicht ist es für mich eine Ausrede, um billiges Melodrama zu hören, denn viele Opern sind ein billiges Melodrama, denken sie an ,Tosca oder ,Butterfly. Für mich klingt Oper einfach am schönsten. Gewiss mag ich auch die Werke Lully's und Rameau's, aber es ist Händel, der mich mit der unendlichen Schönheit seiner Musik fasziniert. Er schrieb über 40 Opern, und alle sind unterschiedlich. Denken sie nur an die Stunden, 120 Stunden Musik, also fünf Tage Musik und es ist nie langweilig."</P><P>Sie besitzt von Händel so ziemlich alles, was es auf CD gibt, aber sie hat keine Lieblingsoper, das ist stimmungsbedingt. Nun will Donna Leon ihre Popularität nutzen und auch die eigenen Fans für die Musik ihres Lieblingskomponisten "George Fredric" begeistern. Animiert wurde sie dazu durch einen langjährigen Freund, den Dirigenten und Musikwissenschaftler Alan Curtis, der in zahlreichen Händel-Arien und Duetten ein besonders reizvolles Thema fand: die große Erfahrungsvielfalt der verlassenen Frauen. "Es faszinierte ihn, wie immer wieder ähnliche Umstände Händel zu so vielfältiger musikalischer Gestaltung anregten. Alan Curtis interessierte vor allem, wie die verschiedenen Charaktere, wenn sie vom gleichen Schicksaal ereilt wurden, auf so unterschiedliche Weise antworteten."</P><P>Also regte er das CD-Projekt mit dem wohlklingenden Titel "La Maga Abbandonata", zu Deutsch "Die verlassene Zauberin" an (erscheint bei Deutsche Harmonia Mundi). Die Arien und Duette der unglücklich liebenden Frauen aus Händel-Opern, jenen, die von ihren Liebhabern verschmäht oder verstoßen, und deshalb teils zu deren größten Widersachern wurden, werden von Simone Kermes (Sopran) und Maite Beaumont (Mezzo) gesungen, begleitet von Originalklangensemble "Il Complesso Barocco". Inhalt und Interpretenauswahl überließ Donna Leon Alan Curtis, doch kennt und schätzt sie alle Mitwirkenden der im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth entstandenen Produktion.<BR>"Ich habe nichts außer meiner Freundschaft zu Alan zu dem Projekt beigesteuert. Ich bin keine Musikerin, und ich kenne meinen Platz", gibt sie offen zu. Wäre es anders, würde Musik in ihren Büchern eine größere Rolle spielen. Sie sieht sich durchaus als Zugpferd für das Projekt, wenngleich mit gemischten Gefühlen, denn eigentlich will sie die CD wegen der Händel'schen Musik und den Interpreten unter ihre Fans gebracht wissen und nicht wegen des von ihr in Englisch gelesenen Auszugs aus "Aqua Alta". Zweifellos ein ambivalentes Ansinnen.</P><P>Immerhin hat der musikliebende Krimifan durch die CD die Chance, noch etwas Neues kennen zu lernen. In besagter Buch-Szene betritt Brunetti ein Haus, in dem eine CD läuft, doch weder Arie, Oper, noch Komponist werden genannt. Dass es sich um die Oper "Alcina" und die Arie "Ombre pallide" der Protagonistin handelt, verrät Donna Leon im Interview, und so haben ihre Fans in einigen Wochen durch "La Maga Abbandonata" zudem Gelegenheit, eine kleine "Bildungslücke" schließen.<BR></P>

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