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Als grantiger, hochdekorierter DDR-Politiker ist Bruno Ganz im neuen Film von Matti Geschonneck zu sehen. 

Interview zum Kinostart von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“

Bruno Ganz: „Ich bin nicht schwierig“

Bruno Ganz ist jetzt als grantiger DDR-Funktionär im Kino zu sehen – in der Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Nach der Weltpremiere des Films treffen wir den medienscheuen 76-Jährigen zu einem seiner seltenen Interviews.

Berlin – Er hat Adolf Hitler gespielt (in „Der Untergang“), einen isländischen Kellner (in „Brot und Tulpen“) und einen gefallenen Engel (in „Der Himmel über Berlin“). 

Jetzt ist Bruno Ganz als greiser DDR-Funktionär im Kino zu sehen. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ heißt der neue Film mit dem 76-Jährigen. Vor unserem Gespräch reicht er schüchtern die Hand und stellt sich vor: „Ganz, Bruno, angenehm!“

Auf dem roten Teppich haben Sie den Eindruck vermittelt, dass Sie sich im Blitzlichtgewitter extrem unwohl fühlen...

Bruno Ganz: Ja, das stimmt. Sobald ich an einen roten Teppich komme, denke ich: Hoffentlich bin ich ganz schnell im Saal! Ich hasse es, wenn ich mich so in der Öffentlichkeit präsentieren soll. Ich denke mir: Du bist ja doof! Kannst du das nicht einfach ein bisschen genießen? Aber ich kann’s nicht. Es bereitet mir ein derart starkes Unbehagen, dass ich mir überlege, ob ich jemals wieder einen roten Teppich betrete.

Im Film sieht man Sie minutenlang Essiggurken essen. Mögen Sie die Dinger? Oder hängen sie Ihnen inzwischen zum Hals heraus?

Bruno Ganz: Ach, das war gar nicht so arg am Set. Ich habe nicht gezählt, wie viele Gurken ich vor der Kamera essen musste, aber das war bloß an einem einzigen Drehtag, vielleicht eine Stunde lang. Und ich mag Gurken, nicht nur die Spreewälder.

Sie spielen einen verknöcherten SED-Funktionär. Haben Sie mal so einen Altstalinisten kennengelernt?

Bruno Ganz: Nein, aber ich habe viel über solche Leute gelesen. Zudem war ich in den Siebzigerjahren an der Berliner Schaubühne engagiert, die sich als linkes Theater verstand – und dort haben wir einmal pro Woche eine marxistisch-leninistische Schulung bekommen.

Waren Sie selbst je Marxist?

Bruno Ganz: Ich war immer, wie man in der DDR gesagt hätte, ein bürgerlicher Künstler – mit linken Tendenzen. Ich glaube, die Leute im Osten haben damals zu Recht über uns gelacht, über die Studenten, die im Westen für den Sozialismus gekämpft haben.

Und heute? Beteiligen Sie sich in der Schweiz, wo Sie wohnen, regelmäßig an den Abstimmungen?

Bruno Ganz: Ja. Und meine Grundeinstellung ist immer noch links, aber ich bin kein Parteisoldat. Ich erlaube mir durchaus, auch mal für die Rechten zu stimmen, wenn mir ihre Argumente vernünftig vorkommen.

Sind Sie öfters mal in die DDR gereist?

Bruno Ganz: Ja, ich war häufig in Ostberlin, bin dort gern ins Theater gegangen. Im Gegensatz zu den Westberlinern kam ich als Schweizer ja ziemlich leicht über die Grenze. Später war ich auch einige Male in Dresden oder zum Wandern im Elbsandsteingebirge.

Und wie haben Sie die DDR bei Ihren Besuchen empfunden?

Bruno Ganz: Anfangs hatte ich furchtbare Angst, wenn ich in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße über die Grenze wollte und dort erst einmal in einen Keller geschickt wurde, wo ich irgendwelche willkürlichen Befehle ausführen musste. Ich dachte: Dich als kleinen Schweizer beschützt hier keiner. Die können mit dir machen, was sie wollen.

Hätten Sie sich vorstellen können, in der DDR zu leben?

Bruno Ganz: Nein. Ich fand den Aspekt der Gängelei und Unterdrückung immer so unangenehm, dass ich damit nichts zu tun haben wollte.

Sie haben den Ruf, bei der Arbeit ziemlich kompromisslos zu sein...

Bruno Ganz: Nun, ohne Kompromisse kann man ja nicht leben. Wenn ich allerdings von einer Sache überzeugt bin und man mir keine vernünftigen Gegenargumente bringt, dann beharre ich manchmal schon auf meinem Standpunkt. Aber ich glaube nicht, dass ich schwierig im Umgang bin. Ich lasse mich nur nicht gern gängeln. Da kann es durchaus mal passieren, dass ich resolut werde. Oder vielleicht etwas schroff.

Könnten Sie sich auch vorstellen, jemanden wie Donald Trump zu spielen?

Bruno Ganz: Nein. Ich sehe da keine Möglichkeiten für mich als Schauspieler, und es reizt mich auch nicht besonders. Trump ist doch nichts weiter als ein Kindskopf. Er verhält sich wie ein beleidigtes Kind, das quengelt: „Du hast mir meinen Teddy weggenommen, ich hau’ dich gleich!“ Das finde ich ziemlich uninteressant.

Im Film sind Sie 90 Jahre alt, im wirklichen Leben 76. Denken Sie manchmal übers Älterwerden nach?

Bruno Ganz: Sicher. In meinem Alter ist das Ende nicht mehr fern. Ich habe aber keine Angst davor. Manchmal, wenn ich einen jungen Mann sehe, der nur so strotzt vor lauter Kraft, dann werde ich schon ein bisschen wehmütig. Aber ich möchte die Zeit nicht zurückdrehen. Ich habe Glück gehabt: Das Leben war gut zu mir.

Ist die Schauspielerei für Sie eine Art Lebenselixier?

Bruno Ganz: Ich glaube schon. Ich habe einfach das Bedürfnis zu spielen. Es beschäftigt mich auf eine tolle Art und Weise. Ich habe noch nichts anderes gefunden, das mich so sehr erfüllen würde wie die Schauspielerei. Darum mache ich weiter, so lange ich kann – so lange es Körper und Geist erlauben. Also hoffentlich bis zum Schluss!(Lacht.)


Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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